Tanja Rösler

Plötzlich Pflege – wenn Angehörige zu Pflegenden werden

Pflegende Angehörige sind im Ausnahmezustand – zunächst

Du pflegst deine Mutter? So was kannst du? Ja, viele können das. Doch die Hemmschwelle für diese intime Aufgabe ist meist hoch. In den Köpfen sind vermeintliche Grundsätze über die Pflege verankert, die sich durch einen Perspektivwechsel verschieben. 

Fast nie geht es in Berichten um die erfüllende Aufgabe von großer Sinnhaftigkeit, aber so oft um die bürokratischen Klippen, die es zu umschiffen gilt. Natürlich läuft nicht alles von alleine und es kostet Kraft und Zeit einen Pflegegrad zu beantragen, geeignete Hilfsmittel auszuwählen und letztlich auch zu bekommen, individuelle Lösungen mit Arbeitnehmern und Familienmitgliedern zu finden, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen usw. Aber ist erst einmal alles korrekt beantragt, erweisen sich Kranken- und Pflegekasse als starke Partner an der Seite ihrer Mitglieder bzw. deren pflegenden Angehörigen. 

Zugegeben, der Weg dahin ist nicht ganz einfach und vor allem geht alles nicht mal eben zwischen Tür und Angel. Unsere Redakteurin ist diesen Weg gegangen, mitten in der Pandemie, die sich im Nachhinein eher als zuträglich erwies. Doch von vorn … 

Plötzlich Pflege - ein Erfahrungsbericht

Plötzlich Pflege

Ich, Anfang 50, selbständig, Mutter von drei erwachsenen Kindern, finanziell unabhängig – ein Zeitpunkt im Leben, an dem ich noch einmal so richtig loslegen kann. Niemand braucht mich unmittelbar jeden Tag. Ich könnte frei sein. Könnte; wenn  nicht meine 84-jährige Mutter gesundheitlich schwächeln würde. Sie lebt allein, mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Hatte ich erwähnt, dass ich Einzelkind bin?

Die Entscheidung, ob ich meine Mutter pflegen wollen würde, musste ich nicht treffen, das stand für mich fest. Meine Eltern haben alles für mich und meine Familie getan, es war für mich klar, dass ich, wenn eben möglich, diese Aufgabe übernehmen würde. Doch so machbar sich alles in der Theorie darstellte, so fordernd war die Wirklichkeit. Und dass, obwohl die örtlichen Gegebenheiten bei uns nicht besser hätten sein können. Ich konnte den Haushalt meiner Mutter und meinen eigenen quasi zusammen führen, da unsere Häuser nicht weit auseinander lagen. Meine Arbeit als Journalistin konnte ich in die Abend- und Nachtstunden verlegen. Hauptsache, die Artikel waren rechtzeitig fertig. Der Rückhalt meiner Familie war mir sicher. Außerdem hatte meine Mutter mich schon mit allen Vollmachten ausgestattet, um auch ohne ihre physische Anwesenheit Bankgeschäfte u. a. zu regeln. Alles Dinge, die nicht selbstverständlich sind und die mir diese große Aufgabe enorm erleichtert haben. Ich bin mir durchaus bewusst, dass viele „Kinder“ mit ganz anderen Grundvoraussetzungen die Pflege der Eltern übernehmen – und es mindestens genau so gut schaffen. Hut ab!

Ich erinnere mich genau, dass die ersten bürokratischen Schritte die schwierigsten waren. Da ich mich vorher nie mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. „Ohne Pflegestufe läuft gar nichts“ – so der Tenor im Bekanntenkreis. Und Recht hatten sie. Daher gilt: Zuallererst einen Pflegegrad beantragen. Eine einfache Sache, mit der meine Mutter und ich viel zu lange gewartet haben. Ihr hätten schon mindestens zwei oder drei Jahre vorher die Leistungen der Pflegekasse zugestanden, aber da stand man sich mit Stolz und falscher Selbstwahrnehmung schlicht im Weg. 

Dann gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen und mit kühlem Kopf zu beurteilen, welche Möglichkeiten im eigenen Zuhause noch wie lange möglich sind und, so es eben geht, vorausschauend und realistisch zu analysieren. Bei meiner Mutter war es so, dass durch eine chronische Blutkrankheit und ein gestörtes Gangbild die Mobilität schon sehr stark eingeschränkt war und es mit der Zeit schlechter werden würde. So war es klar, dass sie nicht mehr lange den Weg über die Treppe in die erste Etage und so in ihr Schlafzimmer schaffen würde. Zu diesem Zeitpunkt erst beantragten wir eine Pflegestufe. Viel zu spät. Es folgte die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst und eine Einstufung wider aller Erwartungen (Pflegegrad 1). Dagegen legten wir Widerspruch ein, gegen den folgenden Bescheid ebenfalls. Aber wenigstens gab es nun einen Pflegegrad und ein Anspruch auf weitere Hilfsmittel und Zuschüsse bestand. Und so gesellten sich vom Treppenlift über Rollator und Rollstuhl bis hin zu Badewannenlift, Toilettenstuhl und Pflegebett über die Monate immer mehr Hilfsmittel dazu, ohne die der Alltag für uns beide allein nicht zu meistern gewesen wäre. 

Nachdem der Pflegegrad bestätigt war, wurde ein kostenloses Gespräch mit einem Pflegeberatenden angeboten. Ich weiß noch, dass ich versucht war darauf zu verzichten, weil ich mich nach einigen Wochen schon gut informiert fühlte. Zum Glück habe ich das Angebot in Anspruch genommen. Nichts ist in diesem Fall hinderlicher als unsolides Halbwissen. Wenn schon ein Experte parat steht, sollte man dieses Angebot dankend annehmen. Für mich war es jedenfalls goldrichtig, mich von einem sehr einfühlsamen Berater von Grund auf aufklären zu lassen. Vor allem über Dinge, die zwar in dem Moment noch nicht wichtig waren für meine Mutter und mich, aber die dann leider schneller als gedacht in den Fokus rückten. Dieses einstündige Telefonat war quasi ein Leitfaden für mich, was ich wo, wie und wann würde beantragen können und was alles möglich wäre. Zudem gab es Ratschläge für unsere individuelle Situation. Daher mein Tipp: Unbedingt dieses Gesprächsangebot nutzen!

Für alle Hilfsmittel braucht man eine Verordnung vom Hausarzt. Liegt diese vor, reicht eine digitale Einreichung und das Sanitätshaus der Wahl wird mit der Auslieferung beauftragt.

Dann gilt es zu prüfen, ob eventuell weitere Zuschüsse für Umbauten des Wohnumfeldes beantragt werden können. Das sind neben einem Treppenlift z. B. eine ebenerdige Dusche u. a. Hierfür stehen zunächst pauschal 4000 €uro zur Verfügung. Der Antrag ist problemlos und unbürokratisch.

Pflegende Angehörige bekommen Pflegegeld. Der Antrag hierfür ist ebenfalls einfach und unkompliziert. Ich habe fast alles über die App der Krankenkasse meiner Mutter erledigen können. Dazu brauchte es nur eine Vollmacht. 

Dann gibt es noch einen monatlichen Entlastungsbeitrag (125 €uro). Dieses Geld kann für diverse Hilfestellungen in Anspruch genommen werden (Putzfirma, Gärtner, Hilfe beim Einkaufen u.v.m.) – wichtig: der Anbieter muss eine Zulassung haben. Im Angebotsfinder gibt es eine Aufstellung dieser Anbieter. Diese 125 €uro verfallen nach 12 Monaten. Bedeutet, die Summe kumuliert und ein Überschuss verfällt nicht direkt am Monatsende.

Eine Auszeit für pflegende Angehörige ist praktisch und emotional vielleicht schwierig, theoretisch aber sehr wohl möglich. Denn auch für eine Kurzzeitpflege steht jährlich ein Betrag von 1774 €uro zur Verfügung. Eine Übersicht aller Einrichtungen bietet der Pflegelotse.

Außerdem gibt es noch die sogenannte Verhinderungspflege. Diese führt entweder ein Pflegedienst durch oder eine Privatperson, die NICHT ersten oder zweiten Grades mit der Pflegeperson verwandt ist. Ist also der pflegende Angehörige in Urlaub oder anderweitig verhindert, kann die Pflegeperson im eigenen Umfeld bleiben. Hierfür werden jährlich 1612 €uro bereit gestellt.

Für regelmäßige Auszeiten kommt die Tagespflege in Betracht. Hierfür stehen monatlich 689 €uro zur Verfügung. Das entspricht etwa zwei Tagen pro Woche. Auch hier kann im Pflegelotsen nach passenden Einrichtungen gesucht werden. Ein Tipp: Probetag vereinbaren!

Dann gibt es da noch die Pflegehilfsmittel. Dazu zählen Einmalhandschuhe, Bettschutzeinlagen, Desinfektionsmittel, Masken, Waschlappen u. a. Verbrauchsmaterial für die Pflege zu Hause. Die Krankenkassen beteiligen sich mit bis zu 40 €uro monatlich.

Als es meiner Mutter immer schlechter ging, bat ich den Hausarzt um Aufnahme in das Palliativnetzwerk. So war gewährleistet, dass ich auch im Notfall medizinische Unterstützung bekommen würde und eine Einweisung ins Krankenhaus nicht zwangsläufig war. Ich weiß noch, dass dieser Entschluss emotional schwierig war. Fragen quälten mich ein paar Nächte: Ist es unterlassene Hilfeleistung? Wäre das Leben noch zu retten? Würde sie Zuhause mehr leiden? Albträume in der Nacht und Zweifel am Tag. Und letzten Endes die Entscheidung für den Palliativdienst und die Betreuung durch einen Palliativarzt. Rückblickend war sie goldrichtig.

Keinerlei pauschale Hilfsmittel gibt es für Zwischenmenschliches. Wohl aber gibt es mittlerweile bei Facebook und/oder Instagram Kanäle, in denen sowohl Pflegepersonen als auch deren Angehörige Hilfe bekommen. Ich selbst habe es nicht in Anspruch genommen, aber es hätte bestimmt oft gut getan, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. 

Meine Mama ist im Januar 2022 verstorben. In ihrem langjährigen Zuhause. In unserer Mitte – wie es immer in Todesanzeigen heißt. Ja, meine Familie und ich haben sie begleitet, wir sind den Weg neben ihr gegangen. Aber so paradox es klingt,  vor allem hat sie mich begleitet. Sie hat mir die Kraft gegeben, an mich zu glauben und mich der Herausforderung zu stellen und nicht aufzugeben. Nie hätte sie es von mir verlangt, immer hat sie es bewundert. Jeden Tag hat sie mich liebevoll gelobt und es ging kein Tag zu Ende, an dem nicht ihre letzen Worte waren: Danke für den Tag, mein Liebling!

Danke, Mama, für diese lebensbereichernde Erfahrung in den letzten Monaten so eng an deiner Seite.

Bei einem unserer letzten Ausflüge ...

Pflege bei Social Media

Neben den gesetzlichen Hilfen gibt es im digitalen Zeitalter noch andere Quellen, die eine emotionale Unterstützung sein können. So bieten Facebook, Instagram und TikTok wunderbare Möglichkeiten um zu erkennen, dass es noch so viel mehr gibt als finanzielle Maßnahmen. Auf den Plattformen finden sich Menschen in ähnlichen Lebenssituationen genauso wie Fachpersonal. Auf der Suche nach einem Mehrwert in der Pflege auf den Social Media Kanälen, hat Louisa uns begeistert. Wir haben mit ihr via Zoom gesprochen und wir haben sie und ihre Angebote näher kennen gelernt. Ihr Account @plege_begegnung bietet eine wunderbare Mischung aus fachlichen Informationen, emphatischen Tipps und überraschenden Fakten. Die diplomierte Pflegefachfrau moderiert eine Facebookgruppe für pflegende Angehörige und hat auf ihrer Homepage Onlinekurse entwickelt, in denen sie pflegende Angehörige auf deren neuen und oft herausfordernden Alltag vorbereitet. 

„Es gibt so viele individuelle Fragen, denn jede Pflegesituation ist anders und im ersten Moment ist es für die Angehörigen oft schwierig sich zurecht zu finden. Zu groß ist die emotionale Belastung und die Klärung der wichtigsten Frage: Wie soll es jetzt weiter gehen? Hier setzt meine Arbeit schon an. Ich strukturiere die Ist-Situation und berate dann unter Berücksichtigung der persönlichen Belange aller Beteiligten. Wenn die ersten Hürden genommen sind, kommt meist der Wunsch auf, mit Gleichgesinnten in einen Austausch zu treten. Dazu bietet sich meine Facebookgruppe oder ein virtueller Stammtisch für pflegende Angehörige an.“

Es gibt Antworten auf brennende Fragen wie:

Wer sollte pflegen und wer nicht?

Wann muss oder darf man aufhören?

Mit wem redet man über Gefühle?

So gut die Kranken- und Pflegekassen auch sind, die emotionale Seite der Angehörigen bleibt hinter den vielfältigen Angeboten für die Pflegeperson naturgemäß zurück. Aber dafür gibt es ja Menschen wie Louisa …

"In meinen fast zwanzig Jahren Berufserfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Pflege konnte ich sehr viel Erfahrung sammeln, die ich gerne weiter gebe. Ich möchte mein Wissen nutzen, um bei der täglichen Pflege und allen Aufgaben, die damit verbunden sind, zu unterstützen.

Louisa aus den Erlen arbeitet seit rund 20 Jahren in der Pflege und hat die Entwicklung ihrer Berufsgruppe miterlebt. Schon früh erkannte sie einen großen Unterstützungsbedarf bei der häuslichen Pflege. „Es gibt sehr viele Angehörige, die zwar gerne pflegen möchten, sich aber vor der emotionalen Herausforderung fürchten. Andere müssen sich aus finanziellen Gründen für die häusliche Pflege entscheiden und haben darüberhinaus noch ein konfliktbeladenes Verhältnis mit der Pflegeperson. Egal aus welchem Grund eine Privatperson zum Pflegenden wird, jede hat ein eigenes Leben zu meistern und muss weiterhin im Beruf und Privatleben funktionieren.“ Wie das gelingt, beschreibt Louisa aus den Erlen ausführlich auf der Homepage rund um die Begegnung mit dem Thema Pflege.

Pflegegrade

  • Pflegegrad 1 = geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 2 = erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 3 = schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 4 = schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
  • Pflegegrad 5 = schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

STEP-BY-STEP zur häuslichen Pflege

  1. Pflegegrad bei der Pflegekasse beantragen
  2. Pflegegeld beantragen
  3. Zuschüsse für Umbaumaßnahmen prüfen 
  4. Ärztliche Verordnungen anfordern
  5. Entlastungsbetrag in Anspruch nehmen
  6. Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege oder Tagespflege kombinieren
  7. Pflegehilfsmittel beantragen

Weitere Tipps für pflegende Angehörige

  • Soziale Absicherung der Pflegeperson. Die Pflegeversicherung zahlt für pflegende Angehörige u.a. Beiträge zur Rentenversicherung sowie Rentenversicherungsbeiträge.
  • Pflegekurse für Angehörige. Die Pflegekassen haben für Personen, die eine Angehörige oder einen Angehörigen pflegen oder sich ehrenamtlich um Pflegebedürftige kümmern, unentgeltlich Schulungskurse durchzuführen.
  • Angebote zur Unterstützung im Alltag tragen dazu bei, Pflegepersonen zu entlasten, und helfen Pflegebedürftigen, möglichst lange in ihrer häuslichen Umgebung zu bleiben, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten und ihren Alltag weiterhin möglichst selbstständig bewältigen zu können.