Das SISTER ACT Ensemble in Berlin (Foto: Nico Moser)

Nonnen, Glitzer, Gangster und jede Menge Disco: „Sister Act“ ist auf der letzten Station seiner großen Tour angekommen. Bis zum 6. September gastiert das Musical im BlueMax Theater am Potsdamer Platz – und könnte für sein Berliner Finale kaum eine passendere Spielstätte gefunden haben. Bei der Premiere zeigte sich: Diese Produktion braucht keine gigantische Bühne. Sie braucht Tempo, starke Stimmen und ein Ensemble, das selbst den Bühnenumbau zur Show macht.

Wer den Zuschauerraum am Marlene-Dietrich-Platz betritt, merkt ziemlich schnell, warum dieser Spielort für ein Musical wie „Sister Act“ ein Glücksfall ist. Rund 600 Plätze hat das Theater, das einst aus einem IMAX-Kino entstand und von 2007 bis 2025 eigens auf die Blue Man Group zugeschnitten war. Seit deren Abschied wird das Haus für wechselnde Produktionen genutzt – und damit beginnt am Potsdamer Platz gerade ein durchaus spannendes neues Theaterkapitel.

Vor allem der ungewöhnlich steile Anstieg der Sitzreihen macht sich bemerkbar. Die Sicht ist hervorragend, selbst weiter hinten fühlt sich das Geschehen erstaunlich nah an. Und Nähe ist hier nicht nur eine Frage von Metern. Man sieht Gesichter. Reaktionen. Kleine Gesten. Man bekommt mit, wie viel Schauspiel eigentlich zwischen zwei großen Songs passiert.

Und plötzlich ist ein Tourmusical, das bereits durch zahlreiche große Häuser gezogen ist, sehr intim und gewinnt eine besondere Tiefe.

Vom Nachtclub direkt ins Kloster

Die Handlung: Deloris van Cartier, Nachtclubsängerin mit großen Ambitionen und noch größerem Selbstbewusstsein, wird Zeugin eines Mordes. Weil ausgerechnet ihr Gangsterfreund Curtis dahintersteckt, muss sie verschwinden. Die Polizei findet dafür einen Ort, an dem vermutlich niemand nach einer glamourösen Discodiva suchen würde: ein Kloster.

Aus Deloris wird Schwester Mary Clarence.

Was folgt, ist der Zusammenprall zweier Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier die strenge Mutter Oberin und ein reichlich überschaubar talentierter Nonnenchor. Dort eine Frau, für die Zurückhaltung ungefähr so selbstverständlich ist wie Schweigen für einen Musicaldarsteller.

Natürlich bleibt es nicht lange still.

Deloris übernimmt den Chor – und aus vorsichtigen Tönen wird ziemlich schnell eine musikalische Bewegung. Die Kirche füllt sich, die Nonnen entdecken Rhythmus, Selbstbewusstsein und schließlich auch eine gewisse Freude an Glitzer. Bis sogar der Papst auf sie aufmerksam wird. Dumm nur, dass öffentliche Aufmerksamkeit und Zeugenschutz kein kongeniales Duo sind.

Ein eigener Soundtrack

Wer beim Titel „Sister Act“ automatisch die Songs des Films von 1992 im Ohr hat, erlebt möglicherweise eine Überraschung. Das Bühnenmusical bekam einen eigenen Soundtrack. Die Musik stammt von Alan Menken, dem achtfachen Oscarpreisträger hinter Werken wie „Die Schöne und das Biest“ und „Aladdin“. Und Menken wagt etwas Neues: Er versucht gar nicht erst, den Film musikalisch nachzubauen.

Stattdessen bekommt „Sister Act“ auf der Bühne einen starken Disco-, Soul- und Gospel-Sound. Das passt nicht nur zu Deloris, sondern auch zur Geschichte. Denn musikalisch passiert genau das, was wir auf der Bühne sehen: Aus einzelnen Stimmen wird nach und nach ein Ensemble.

Überhaupt funktioniert diese Produktion vor allem deshalb so gut, weil sie nicht permanent versucht, Whoopi Goldbergs Filmklassiker zu imitieren. Was angesichts seiner Entstehungsgeschichte ohnehin amüsant ist. Denn Deloris van Cartier war ursprünglich gar nicht für Whoopi Goldberg gedacht. Die Rolle war für Bette Midler geschrieben worden. Die lehnte allerdings ab – unter anderem, weil sie bezweifelte, dass ihre Fans sie ausgerechnet im Nonnenhabit sehen wollten.

Whoopi Goldberg hatte damit deutlich weniger Probleme. Der Rest ist (Film-)Geschichte.

Nebendarsteller auf Rollen

Während auf der Bühne gesungen, getanzt, gestritten und gebetet wird, vollbringt die Bühnentechnik allabendlich ihre ganz eigene Choreografie.

Nachtclub. Polizeistation. Kloster. Kirche. Straße.

Die Schauplätze wechseln in einem Tempo, bei dem man irgendwann nicht mehr darauf wartet, dass umgebaut wird, sondern darauf achtet, wie es passiert.

Kulissenteile fahren herein, verschwinden wieder, werden gedreht, geschoben und neu kombiniert. Das Bemerkenswerte daran: Die Umbauten unterbrechen die Handlung nicht. Sie werden Teil davon.

Darsteller nehmen Elemente mit, Bewegungen gehen ineinander über, Szenenwechsel passieren mitten im Spiel. Wo andernorts kurz Dunkelheit herrscht und anschließend plötzlich ein neues Bühnenbild dasteht, macht „Sister Act“ aus der notwendigen Logistik eine zweite Inszenierungsebene. Das Timing dafür muss auf Sekundenbruchteile stimmen. Und es stimmt. Immer!

So entsteht ein Tempo, das dem Abend enorm guttut. Kaum hat man sich in einer Szene eingerichtet, ist man schon in der nächsten – ohne dass die Geschichte gehetzt wirkt.

Wehe, wenn sie losgelassen – diese Nonnen

Diese Nonnen sind herrlich individuell gezeichnet. Keine gesichtslose Gruppe in identischem Gewand, sondern ein äußerst eigenwilliger Clan, bei dem Blicke, Körperhaltung und kleinste Reaktionen oft schon reichen, um die nächste Pointe vorzubereiten.

Das perfekte Timing erweist sich als eine der großen Qualitäten dieser Inszenierung. Die Komik wird nicht angekündigt; sie passiert einfach. Ein Mü zu lang der Blick. Eine Bewegung einen Tick zu spät. Eine Nonne, die längst verstanden hat, was gerade passiert, während die andere gedanklich noch irgendwo zwischen Rosenkranz und Rhythmusgefühl festhängt.

Dazu kommen starke Stimmen und Darsteller, die ihre Figuren nicht zugunsten des nächsten großen Songs abgeben. Gerade deshalb funktionieren die großen Ensemblenummern so fantastisch. Es singt keine anonyme Chorus-Line, sondern Figuren, die das Publikum inzwischen kennt.

Die Sache mit dem Glitzer

„Sister Act“ wäre allerdings nicht „Sister Act“, wenn sich die optische Entwicklung des Klosterchors auf ein wenig Rhythmus beschränken würde.

Sagen wir es so: Der Übergang von Nonnentracht zu Showrobe ist fließend.

Und irgendwann scheint jemand beschlossen zu haben, dass Bescheidenheit zwar eine Tugend sein mag, aber kein zwingendes Kostümkonzept.

Das Theater glitzert und funkelt.

„Sister Act“ will unterhalten. Und das gelingt in jeder Minute.

Halleluja – Berlin darf noch ein bisschen bleiben

Mehr als 100.000 Zuschauer hat diese „Sister Act“-Produktion bereits erreicht. Berlin ist nun die letzte Station der Tour, bis zum 6. September bleiben Deloris und ihre ziemlich außergewöhnliche Klostergemeinschaft am Potsdamer Platz.

Und vielleicht ist das BlueMax dafür sogar mehr als nur die nächste verfügbare Bühne.

Denn „Sister Act“ lebt von Gegensätzen. Disco und Kirche. Gangster und Nonnen. Strenge und Lebensfreude. Große Show und kleine Gesten.

Im BlueMax kommt noch einer hinzu: Eine große Musicalproduktion in einem Theater, das sich im besten Sinne erstaunlich klein anfühlt.

Man sitzt nah dran. Man sieht hervorragend. Man erlebt ein Ensemble in Spiellaune, grandiose Stimmen, präzise Komik und Bühnenwechsel, die so geschickt in die Handlung eingebaut sind, dass man irgendwann fast vergisst, welche logistische Meisterleistung dahintersteckt.

Und am Ende?

Steht Berlin vor einem Chor glitzernder Nonnen und der ziemlich eindeutigen Erkenntnis:

Theater darf himmlischen Spaß machen.