Die neue Distanz der Fotografie – ein Interview mit Julian Freyberg

"Jeder Mensch bringt eine Geschichte mit"

Rachel by ©Julian Freyberg

Kunst und Kultur gelten weiterhin als Verlierer der Krise. Erst vor ein paar Tagen wurde das Verbot von Großveranstaltungen verlängert und die Verunsicherung der Betroffenen ist groß. Doch wenn nicht Kreative auch Chancen in der Krise entdeckten, wer dann? Maler und Fotograf Julian Freyberg weiß mittlerweile, wie er sich auf neue Maßnahmen einstellen und die noch vorhandenen Potenziale nutzen kann. Er verrät es uns…

Wie wirkt sich Corona auf Deine Arbeit als freier Künstler und Bühnenfotograf aus?

Es blieben schon und bleiben noch Jobs aus, dies ist aber nicht nur bei mir der Fall. Das anfängliche  Kontaktverbot hat es natürlich zusätzlich erschwert Shootings und andere künstlerische Tätigkeiten umzusetzen.

Ich bin ein Mensch mit zu vielen Ideen aber diese müssen jetzt erst einmal in meinem Skizzenbuch auf ihren Einsatz warten. Das ist schade, da ich meine Ideen immer gerne zeitnah umsetzen möchte, aber in diesen Zeiten nötig.

Durch einige Lockerungen konnte ich glücklicherweise ein paar Shootings umsetzten. Trotz der physischen Distanz, versuche ich eine Nähe zum Model zu schaffen. Das Beste, was ich als Fotograf machen kann, ist meinen Modellen trotz den Gegebenheiten das Gefühl von Nähe, im Sinne von Wohlfühlen, zu geben. Man vergisst dann oft, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Das sollte auch nicht Bestandteil meines Shootings sein. Vorsicht JA, aber bei einem Shooting kommt es mir auf den Menschen gegenüber an und da lege ich mich gerne ins Zeug, damit Corona für ein paar Stunden nicht die Hauptrolle spielt.

Man merkt trotzdem, dass ganz alltägliche Dinge wie eine Umarmung zur Begrüßung/zum Abschied den Menschen fehlen. Es gibt dann auch oft Situationen wo man sich dann anschaut und fragt: Dürfen wir das jetzt?

Aktive Shootings als Bühnenfotograf lagen eine Zeit lang quasi auf Eis. Wie wird sich Schauspiel, Theater und Musical langfristig verändern?

Jede Woche ändern sich die Regeln auf Grund der neuen Entwicklungen im Land. Das macht eine Prognose schwe. Es gibt Ideen, wie man weitermachen kann/will. Dazu gab es Bilder von Theatersälen, in denen man Stühle herausgenommen hat, damit man die Distanz von 1,5 Meter zu anderen einhalten kann. Viele Schauspieler sind betrübt, da dies natürlich kein schöner Anblick ist. Man kann nur hoffen, dass es bald einen Impfstoff geben wird, damit man Stück für Stück zur „neuen“ Normalität zurückfinden kann.

Trotzdem sollte diese Situation für uns alle auch eine Lehre sein. Solche Sachen können immer wieder passieren und deswegen sollte man versuchen für die Zukunft einen Plan B in der Tasche zu haben.

Beschreib uns Deine künstlerische Handschrift. Was gibt einem Kunstwerk den Freyberg-Touch?

Ich glaube, meine künstlerische Handschrift liegt darin, dass ich keine Angst habe mich auf eine Person einzulassen. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch eine Geschichte mitbringt und ich möchte diese in meinen Fotos zeigen. Ich fotografiere überwiegend Frauen, was daran liegt, dass sie mich mehr inspirieren. Es gibt nichts schöneres für mich, als die Gelegenheit, einer Frau zu zeigen wie schön sie ist. Ich möchte immer, dass meine Modelle sich in den Rollen, die ich ihnen gebe, wohlfühlen.

Wenn ich ein kreatives Shooting mache (wie Joan D’Arc, Jacky Kennedy oder Queen Elizabeth I ) versuche ich Frauen zu finden, in denen ich Charaktereigenschaften dieser historischen Frauen sehe. Ich höre öfter, dass meine Fotos sehr melancholisch sind und dies ist für mich ein riesen Kompliment. Ich bin ein sehr nachdenklicher Mensch und ich beschäftige mich oft stundenlang mit diesen starken Frauen.Sei es in der Gegenwart oder Vergangenheit. Oft sind es traurige Schicksale, die diesen Frauen widerfahren sind und genau diese versuche ich in meinen Fotos zu zeigen.

Anders ist das natürlich wenn ich Auftragsarbeiten / Vitafotos shoote. Da möchte ich die Schönheit der Person im Vordergrund stehen sehen. Oft kennt man die Person die man fotografiert vorher nicht persönlich. Deswegen unterhalte ich mich viel während des Shootings. Das ist wichtig damit sich das Model wohlfühlt. Eines meiner absoluten Lieblingsmotive ist, dass ich eine Frau vor der Kamera weinen lasse. Das klingt erst einmal seltsam aber es steckt etwas ganz Wertvolles darin. Eine Frau hat es auch im Jahr 2020 nicht leicht und sie muss sich immer wieder aufs Neue beweisen. Deswegen möchte ich, dass sie sich bei mir fallen lassen kann. Ich empfinde es als pure Schönheit, wenn eine Frau weint. Es kommt natürlich auf die Situation an, aber viele Frauen können sich in dem Moment bei mir vor der Kamera fallen lassen. Einfach mal ganz pur und ehrlich zu sein hat keineswegs etwas mit Schwäche zu tun. Auch bei Männern nicht.

Es ehrt mich immer wenn sich mein Gegenüber auf meine Ideen einlässt. Das zeigt mir Vertrauen und wir können zusammen einen sehr intimen Moment entstehen lassen.

So würde ich die Grundelemente meines Stils bzw. meine Handschrift in der Fotografie beschreiben.

Das, was letzten Endes meine Fotos so aussehen lässt, ist mein Bearbeitungsstil. Ich glaube es ist, ähnlich wie beim Malen, ein Prozess der sich über die Jahre entwickelt und hoffentlich noch weiter entwickeln wird. Als Künstler wächst man immer und die Stile der Zeit verändern sich immerfort. Aber der Grundstein ist immer der Gleiche.

Was rätst Du Selbständigen in der Kunst- und Kulturszene für die nahe Zukunft? 

Erst einmal: ATMEN! Für viele steht viel auf dem Spiel und ich kann es sehr gut verstehen, dass einige Angst um ihre Existenzen haben. Jedoch muss man aktiv über Alternativen nachdenken, wie zum Beispiel sich mit anderen Kulturschaffenden auszutauschen. Man sollte zudem jegliche Möglichkeiten nutzen um Geld zu verdienen. Sei es online Gesangsunterricht als Sänger oder als Maler kleine Zeichnungen/Skizzen über Social-Media zu verkaufen. Es ist mir klar, dass dies kein Erfolgsrezept ist, aber es ist eine Möglichkeit es zumindest zu versuchen. In Deutschland geht es uns Gott sei Dank noch sehr gut. Es gibt Hilfen vom Staat (auch wenn diese nicht ganz den Vorstellungen von Kulturschaffenden entsprechen). Ganz wichtig ist auch der Zusammenhalt. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen und anderen kreative Menschen helfen. Ich glaube daran, dass man das im Leben zurück bekommt, was man gibt. Ein kreativer Mensch zu sein hat viel mit mutig sein gemeinsam.

Ansonsten gilt: durchhalten! Es wird besser werden.

Welchen Chancen bietet die Krise für kreative Köpfe  – mit und ohne Digitalisierung?

Ich finde man hat gesehen, wie kreativ jeder einzelne Künstler geworden ist. Sei es der Maler der nun sehr viel Zeit hatte um zu malen oder die Darstellerin, die jede Woche ein Cover/Song aufgenommen hat. Außerdem habe ich gemerkt, wie die Kreativen dieser Welt endlich mal die Zeit hatten um das zu tun, was sie schon seit Langem machen wollten. Diese freie Kreativität kommt oft zu kurz, da man in der ‘‘normalen‘‘ Arbeitswelt kaum Zeit für solche Dinge hat und oft nur abliefern muss.

Als Künstler hat man es nie einfach. Besonders die derzeitige Situation ist hart für die Kreativbranche. Aber ich finde jeder macht das Beste daraus und nutzt diese „AUSZeit“ – das ist durchaus sehr inspirierend.

Das Schöne in der heutigen Zeit ist, dass man seine kreativen Arbeiten mit der ganzen Welt teilen kann. Es werden Kurse über ZOOM und Instagram angeboten, Künstler teilen ihre Ideen, die wiederum andere inspirieren. Sänger haben das Glück, dass sie online Konzerte anbieten können. Ich sehe die zum Beispiel bei meiner besten Freundin Anja Backus. Sie ist öfters Teil von solchen Musical-Konzerten. Diese scheinen sehr gut anzukommen.

Bald werden wir sehen, was Corona der Kulturszene langfristig beschert; und das wird nicht nur Schlechtes sein.

Julian Freyberg
Anja Backus by Julian Freyberg

Julian Freyberg wurde 1995 in Mönchengladbach geboren. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das Malen. Er besuchte im Alter von 8 Jahren die Kunstschule Feuervogel in Viersen und erlernte dort diverse Grundtechniken der Kunst und Malerei unter Leitung von Claudia Fischer.

Mit 15 wechselte er zur Kunstakademie in Mönchengladbach wo er 2 Jahre unterrichtet wurde. Julian zog mit 17 Jahren nach Hamburg, wo er auch Kommunikationsdesign studierte. In diesem Studium erlernte er auch einen Teil des Handwerks der Fotografie. Von 2018 bis 2019 lebte Julian in Amsterdam und arbeitete dort für diverse Künstler und Schauspieler als Fotograf. Seit 2019 lebt er wieder in Hamburg.

Das besondere an seinen Fotografien ist das Zusammenspiel von ‚Gemälden‘ und ‚Realität‘. So erschafft Julian einzigartige Fotografien, die den Betrachter zum nachdenken anregen sollen. Er überlässt in seinen Bildern nichts dem Zufall. Er informiert sich vorab genaustens über die Visionen seiner Kunden bzw. den historischen Hintergrund in seinen freien Arbeiten. Desweiteren kümmert er sich meistens um das Styling (Kleidung) und jegliche Requisten, die für eines seiner aufwendigen Fotos benötigt werden.

“Ich versuche meine Gefühle für die Welt sichtbar zu machen. Mein Gedankengut zu etwas lebendigem zu erwecken und fotografisch festzuhalten. Das benötigt viel liebe zum Detail.“

Julian setzt sich nebenher auch  sehr für ein gleichberechtigtes Frauenbild ein.

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin