Banu Schult, Stefanie Smailes, Oliver Weidinger, Merlin Wagner und Agostino Subacchi (Foto: Björn Hickmann)

Wuppertal erstrahlt im Licht auf der Piazza

Mit „Das Licht auf der Piazza“ hat die Oper Wuppertal ein Musical auf den Spielplan gesetzt, das im deutschsprachigen Raum noch immer selten zu erleben ist. Die Premiere entführte das Publikum in das sonnendurchflutete Florenz der 1950er-Jahre und erzählte eine ebenso berührende wie vielschichtige Geschichte über Liebe, Familie, Fürsorge und das Loslassen.

Zwischen Urlaub, Liebe und mütterlicher Sorge

Im Mittelpunkt steht die Amerikanerin Margaret Johnson, die mit ihrer Tochter Clara nach Italien reist. Die Reise –  auch als eine Erinnerung an ihre eigene Hochzeitsreise gedacht – nimmt schon bald eine unerwartete Wendung: Auf einer Florentiner Piazza begegnet Clara dem jungen Italiener Fabrizio, und aus einer zufälligen Begegnung entsteht rasch eine lebhafte Verliebtheit.

Was zunächst wie eine klassische Urlaubsromanze beginnt, erhält schnell eine tiefere Dimension. Clara hat als Kind einen folgenschweren Zwischenfall mit ihrem Pony erlebt und ist seitdem in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Hier findet der Zuschauer den Ursprung in Margarets übertriebener Fürsorge. 

Ein Musical zwischen Broadway und Oper

Die Musik von Adam Guettel bewegt sich stilistisch zwischen Broadway und Oper. Weit gespannte Melodiebögen, eine farbenreiche Orchestrierung und immer wieder lyrische Passagen verleihen der Partitur eine besondere Eleganz. Modernes Musiktheater, bestens dargeboten vom Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Yorgos Ziavras. Lyrische Duette stehen neben temperamentvollen Ensemblenummern, italienische Sprachfetzen und rhythmische Tanzmomente sorgen für mediterranes Flair.

Bühne und Kostüme – Florenz in Bildern

Szenisch setzt die Inszenierung auf klare Bilder und konzentriert sich auf die Beziehungen der Figuren. Ein ganz besonderer Reiz liegt dabei in Bühne und Kostüm. Große Bilderrahmen strukturieren den Raum – manche gefüllt mit Szenen, Figuren oder Kunst, andere bewusst inhaltslos. Dadurch entstehen immer neue Perspektiven, fast wie Momentaufnahmen einer bedeutsamen Reise.

Besonders eindrucksvoll ist ein kleines, aber wirkungsvolles Detail: Als Clara sich verirrt und innerlich ins Wanken gerät, ist es ein gekippter Rahmen, in dem sie steht, beide sind aus ihrer Ordnung gerissen. Ein stilles, aber sehr emotionales Bild für ihre Unsicherheit und die inneren Konflikte zwischen Liebe, Angst und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Solche Momente zeigen, wie sensibel hier mit Symbolik gearbeitet wird.

Die wunderbaren Kostüme tragen entscheidend zur Atmosphäre bei. Sie sind ein wahres Feuerwerk an Eleganz der 1950er-Jahre: luftige Sommerkleider, elegante Reisegarderobe, internationaler Chic. Besonders auffällig ist, wie oft sich die Darsteller im Laufe des Abends umziehen – gefühlt ein gutes Dutzend Mal. Jeder neue Auftritt bringt eine weitere stilvolle Variation der Mode jener Zeit und unterstreicht zugleich die wechselnden Stimmungen der Figuren.

Für das stilvolle Bühnenbild zeichnet Julia Schnittger verantwortlich, während Hedi Mohr mit ihren detailreichen Kostümen den Glamour auf die Bühne bringt. Regisseur Carsten Kirchmeier führt alles mit sicherem Gespür für Atmosphäre und Figurenpsychologie zu einem überzeugenden Gesamtbild zusammen.

Ein starkes Ensemble

Großen Anteil am Gelingen des Abends hat das hervorragend aufeinander abgestimmte Ensemble. Im Zentrum stehen zwei Gastsolistinnen: Stefanie Smailes als Margaret Johnson und Harriet Jones als Clara.

Die Mutterrolle füllt Stefanie Smailes mit emotionaler Tiefe. Zwischen Fürsorge, Sorge und innerer Zerrissenheit entsteht ein glaubwürdiges Porträt einer Frau, die ihr Kind beschützen möchte und doch erkennt, dass sie es nicht ewig festhalten kann. Das alles, während es mit dem eigenen Liebesleben nicht zum Besten steht. (Sprech-)stimmlich überzeugt die charismatische Darstellerin auf ganzer Linie. 

Harriet Jones verleiht Clara eine berührende Mischung aus kindlicher Offenheit und vorsichtig erwachender Selbstständigkeit. Ihre helle, lyrische Stimme passt hervorragend zu den schwebenden Melodien der Partitur. Übrigens: Musicalfans kennen sie und ihren Partner Anton Zetterholm aus vielen namhaften Produktionen.

Als Fabrizio überzeugt Merlin Wagner mit charmantem Spiel und lyrischem Tenor. Seine Szenen mit Clara gehören zu den emotionalen Höhepunkten des Abends. Auch die italienische Familie Naccarelli sorgt für lebendige Momente: Agostino Subacchi gibt den temperamentvollen Bruder Giuseppe mit viel Spielfreude, während Elena Sverdiolaitė als Franca mit dramatischer Intensität auftritt. Mit Banu Schult und Oliver Weidinger als Eltern Naccarelli entsteht schließlich ein überzeugendes Familienbild, das italienische Lebensfreude und familiären Zusammenhalt spürbar macht und subtil zu erkennen gibt, wer in diesem Konstrukt das Sagen hat. 

Standing Ovations und Klatschtiraden

Das Premierenpublikum reagierte mit Standing Ovations und langanhaltenden Klatschtiraden – wohlmöglich verbringt es demnächst einen Urlaub in BELLA ITALIA. 

Weitere Termine in Wuppertal stehen bis zum 18. Juli auf dem Spielplan.

 

Zur Entstehung des Stücks

„Das Licht auf der Piazza“ basiert auf einer Novelle der amerikanischen Autorin Elizabeth Spencer, die 1960 erschien. Aus dieser Vorlage entwickelten Adam Guettel (Musik und Liedtexte) und Craig Lucas (Libretto) ein Musical, das 2005 am Broadway uraufgeführt wurde.

Schon damals fiel das Werk durch seine ungewöhnliche musikalische Sprache auf.  Die Broadway-Produktion wurde mehrfach ausgezeichnet und machte das Stück international bekannt.

Harriet Jones und Stefanie Smailes (Foto: Björn Hickmann)