Archivbild 2019 ©MIKS

Der internationale Pferdesport liebt große Bilder: schwebende Piaffen, kraftvolle Galoppsprünge, spektakuläre Ritte. Was er zunehmend verliert, ist dagegen unaufgeregt: seine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.

Nicht, weil Pferde leiden müssten. Sondern weil der Sport verlernt hat, verständlich zu erklären, warum er existiert. Während im Spitzensport die Pferde heute besser überwacht, medizinisch betreut und gemanagt werden als je zuvor, wächst außerhalb der Turnierplätze das Unbehagen. Freizeitreiter führen ihre Pferde lieber spazieren, als aufzusteigen. Jugendliche bestreiten Wettkämpfe mit Steckenpferden. Und eine Öffentlichkeit, die Pferde vor allem von Social Media kennt, urteilt über Bilder und Schlagzeilen. Das Problem ist nicht der Sport.
Das Problem ist die Diskrepanz der Erzählungen.

Ein Sport ohne Mitte

Der moderne Pferdesport kennt nur noch Extreme.
Oben: Hochleistungssysteme, Milliardenmärkte, Global Player, Pferde als internationale Assets.
Unten: Menschen, die sich kaum noch trauen zu sagen, dass sie gerne reiten. Dazwischen klafft ein Vakuum.

Die klassische Reitkultur mit so wichtigen Aspekten wie Ausbildung, Geduld, handwerkliches Können und der Alltag mit Pferden verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung. Übrig bleiben zwei Karikaturen: das angeblich ausgebeutete Sportpferd und der moralisch überhöhte Nichtreiter, der das Pferd „einfach nur Pferd sein lässt“. Beides wird dem Tier nicht gerecht.

Tierwohl als Totschlagargument

Der Begriff Tierwohl ist zur moralischen Allzweckwaffe geworden.
Er wird benutzt, um zu kritisieren und zu verurteilen. Selten genutzt um zu differenzieren.

Ja, es gibt Missstände.
Ja, es gibt Grenzüberschreitungen.
Aber es gibt auch tausende Sportpferde, die besser leben, gesünder altern und länger leistungsfähig bleiben als viele Freizeitpferde ohne Struktur, Ausbildung und Management. Diese Realität wird selten erzählt.
Stattdessen: Schweigen. Aus Angst, falsch verstanden zu werden?

Hobbyhorsing ist kein Witz, sondern ein Warnsignal

Wer Hobbyhorsing belächelt, hat nichts verstanden.
Es ist kein Ersatz für echten Pferdesport, aber ein Symptom eines im Fall befindlichen Systems.

Ein Symptom dafür, dass:

  • der Zugang zu Pferden zu teuer geworden ist,
  • reale Pferde aus dem Alltag verschwinden,
  • junge Menschen ihre Faszination in sichere, konfliktfreie Räume verlagern.

Hobbyhorsing ist die pferdelose Sehnsucht nach Bewegung, Ausdruck und Wettkampf.
Es zeigt, was vielmehr, was fehlt und nicht, was ersetzt werden kann.

Der wirtschaftliche rosa Elefant im Raum

Über all dem schwebt eine Wahrheit, die kaum jemand ausspricht:
Der Pferdesport ist ein massiver Wirtschaftsfaktor – und genau das macht ihn angreifbar.

Je größer die Summen, desto höher die moralischen Erwartungen.
Je exklusiver der Sport, desto weniger Rückhalt hat er in der Breite.

Wenn Reitschulen schließen, Züchter aufgeben und Ställe zu Luxusimmobilien werden, verliert der Sport seine Basis. Und ohne Basis wird selbst der wohl durchdachte Spitzensport instabil. Gesellschaftlich UND wirtschaftlich.

Doch was müsste passieren, um ein Standing zu schaffen, was Perspektive und Tierwohl vereint?

Der Pferdesport müsste:

  • aufhören, sich nur zu verteidigen,
  • beginnen, sich ehrlich zu erklären,
  • Widersprüche aushalten, statt sie glattzubügeln.

Er müsste sagen:
Ja, Pferde leisten etwas für uns.
Ja, wir profitieren davon.
Ja, das verpflichtet uns, aber es disqualifiziert uns nicht.

Und er müsste akzeptieren, dass Beziehung nicht immer konfliktfrei ist.
Reiten ist nicht automatisch Gewalt und auch nicht automatisch Liebe

Und wenn sich nichts tut?

Dann wird der Pferdesport nicht verboten werden.
Er wird einfach irrelevant.

Leise.
Schleichend.
Unumkehrbar.

Und vielleicht stehen wir dann eines Tages in einer Welt ohne Pferdesport.
Mit Pferden am Rand menschlicher Lebenswelten.
Und mit Menschen, die eine Beziehung verloren haben,
die eine der größten Bereicherungen des Lebens war.

Denn vielleicht ist nicht das Reiten das Problem.
Sondern unser Unwille, zu sagen, warum wir es tun.

Die Zukunft des Pferdesports muss nicht spektakulär sein, es reicht vollkommen, wenn er bedeutungsvoll bleibt.