Leander Diedam, Felix Lehnigk, Hartmut Krüpe-Silbersiepe (Foto: Schauspiel Wuppertal)

Alle sind Peer – und keiner kommt davon

Auf der Bühne steht ein Bett. Durchsichtige Vorhänge wehen wie Atemzüge. Mehr braucht es nicht. Kein Fjord, kein Palast, kein Trollberg. Und doch öffnet sich bei den Wuppertaler Bühnen ein ganzer Kosmos: Peer Gynt, gespielt vom Theater der Generationen, mit einem Ensemble zwischen 17 und 85 Jahren. Ein Abend, der zeigt, dass Fantastik nicht aus Ausstattung entsteht, sondern aus Menschen.

Regisseurin Charlotte Arndt setzt radikal auf Reduktion – und gewinnt dadurch Nähe, Klarheit und eine offene Bühne. Wo nichts ablenkt, wird alles möglich. Ein Vorhang wird zum Gebirge, zum Irrenhaus, zum Schleier zwischen Leben und Tod. Das Bett ist Lager, Heimat, Sterbebett und Traumort zugleich. Und mittendrin Peer, ständig wechselnd, ständig sich selbst entgleitend.

Das Besondere in dieser Inszenierung: Peer ist nicht eine Figur. Peer ist ein Zustand. Mal ein junger Aufschneider, mal ein alter Mann, mal eine ganze Gruppe. Die Generationen spielen nicht nebeneinander, sie setzen sich zusammen, in jeder Szene neu. Peer wird weitergereicht wie ein Staffelstab. So entsteht eine Titelfigur, die nie festzunageln ist. Wirkt sie deshalb erschreckend vertraut?

Diese Inszenierung erzählt keine norwegische Romantik. Sie erzählt vom Jetzt. Vom Drang, jemand zu sein. Vom Ausweichen, wenn es ernst wird. Vom Wunsch, sich selbst genug zu sein – und der Angst, am Ende nichts gewesen zu sein.

Die Trolle sind keine Märchenwesen mit Fell, sie sind unsere inneren Stimmen: „Mach’s dir bequem“, „Sei genug“, „Bleib hier“. Sie mischen sie sich ganz selbstverständlich unter Bauern, Hochzeitsgäste, Mütter, Irre. Gesellschaftsschichten lösen sich auf. Mensch und Troll stehen gleichberechtigt nebeneinander. Und man merkt: Der Abstand ist geringer, als uns lieb ist.

Charlotte Arndt, Regisseurin und Leiterin des fast 20-köpfigen Ensembles, sagt dazu:

Peer Gynt ist ein Stück ohne Halteseile. Man muss bereit sein, sich fallen zu lassen – als Regie genauso wie als Ensemble.

Gerade die Arbeit mit Laiendarstellenden wird hier zur Stärke. Keine glatte Perfektion, sondern Reibung. Biografien, Energien und Lebenserfahrung schreiben sich in jede Szene ein. Wenn ein 85-Jähriger von verpassten Chancen spricht, braucht es keine Ironie. Wenn ein 20-Jähriger großspurig von der Welt träumt, ist das kein Spiel, sondern Gegenwart.

Charlotte Arndt über das Ensemble:

Ich arbeite nicht gegen die Unterschiedlichkeit der Spielenden, sondern mit ihr. Jeder bringt seinen eigenen Peer mit – und gemeinsam setzen wir ihn neu zusammen.

Das Ergebnis ist ein Theaterabend, der zugleich poetisch und roh ist. Fantastisch, ohne zu fliehen. Humorvoll, ohne harmlos zu sein. Am Ende steht kein geläuterter Held, kein klares Urteil. Nur die Erkenntnis: Man kann durch alle Welten reisen – durch Liebe, Macht, Wahnsinn, Fantasie – und doch immer wieder bei sich selbst landen – oder sich selbst nie begegnen.

Aus all den Generationen, all den Trollen und Rollen ist am Ende tatsächlich nichts anderes herausgekommen als ein fantastischer Peer Gynt – so vertraut, so bizarr wie ein Blick in den Spiegel an einem Pfingstmorgen.