Ausverkauftes Haus, große Stimmen und eine junge Frau, die sich ihren Platz erkämpft. Die Oper Dortmund macht aus „Rebecca“ einen mitreißenden Musicalabend. Und erzählt dabei auch von einer Gesellschaft, die Frauen gerne miteinander vergleicht, bevor sie ihnen zuhört.
Rebecca ist tot. Anwesend ist sie trotzdem.
In den Räumen von Manderley, in den Erinnerungen der Menschen und in den Erwartungen an ihre Nachfolgerin. Selbstverständlich auch im Titel. Ausgerechnet die Frau, deren Geschichte wir an diesem Abend verfolgen, bekommt dagegen keinen eigenen Namen. Sie ist schlicht „Ich“.
Das ist eine erstaunlich präzise Ausgangslage für ein Musical über weibliche Identität. Während die eine Frau einen Namen hat, aber keine Stimme mehr. Hat die andere, die Namenlose, zwar eine Stimme, muss aber erst lernen, sie zu benutzen.
Die Oper Dortmund erzählt diese Geschichte vor ausverkauftem Haus. Mit einer Besetzung, die große Erwartungen weckt und sie erfüllt. Mit einem Orchester, das den Abend trägt. Und mit einer Inszenierung, die zeigt, welches Potenzial ein Stadttheater entfalten kann, wenn es das Musical künstlerisch ernst nimmt.
Manderley braucht keine Daueradresse
Wer „Rebecca“ aus Wien kennt, bringt Bilder mit. Opulenz, schwere Räume und die überwältigende Präsenz eines Hauses, dessen Vergangenheit sich in jeder Ecke festgesetzt hat.
Dortmund findet dafür eine beweglichere, luftigere Form. Das Bühnenbild wirkt weniger festgefügt, die Räume öffnen und verändern sich. Das passt zu einem Repertoirebetrieb, in dem Manderley seinen Platz mit anderen Welten teilen muss. Eine Long-Run-Produktion kann sich dauerhaft einrichten. Ein Stadttheater muss flexibel verwandeln können.
Regisseur Gil Mehmert nutzt diese Beweglichkeit für einen Abend, der zügig erzählt und gegenüber der Wiener Fassung insgesamt etwas gestrafft wirkt. Die Geschichte behält ihren Sog. Der Wechsel zwischen mondäner Oberfläche und psychologischer Bedrohung funktioniert auch ohne das Gewicht einer dauerhaft installierten Welt.
Ohnehin liegt die größte Last dieses Hauses in den Beziehungen seiner Bewohner.
Von Wien über Asien nach Dortmund
Die literarische Grundlage lieferte Daphne du Maurier mit ihrem 1938 erschienenen Roman. Alfred Hitchcock machte daraus 1940 einen Filmklassiker. Dass die namenlose Erzählerin bis heute gegen den übermächtigen Namen Rebecca antritt, gehört zu den wirkungsvollsten Einfällen dieser Geschichte. Schon der Titel setzt das Machtverhältnis fest.
Für das Musical schrieben Michael Kunze das Buch und die Liedtexte, Sylvester Levay die Musik und Orchestrierung. Die Uraufführung fand am 28. September 2006 im Wiener Raimund Theater statt, produziert von den Vereinigten Bühnen Wien. Zwanzig Jahre später ist Dortmund das erste deutsche Stadttheater, das den Stoff in einer eigenen Neuinszenierung zeigt.
Wien hat dabei keine fertige Aufführung nach Dortmund weitergereicht. Die Dortmunder Produktion entsteht in Zusammenarbeit mit den VBW (die weltweiten Bühnenaufführungsrechte liegen bei VBW International). Es geht um die Lizenz für ein Werk und seine neue szenische Gestalt.
Künstlerisch leuchtet diese Verbindung ein: Ein international etablierter Stoff trifft auf ein Haus, das ihm eigene Mittel, eigene Räume und eine bemerkenswerte Besetzung zur Verfügung stellt.
Die internationale Geschichte reicht längst weit über Europa hinaus. „Rebecca“ wurde unter anderem in Japan und Südkorea gespielt. Im November 2024 begann zudem eine deutschsprachige China-Tournee mit Stationen in Shanghai, Peking und Guangzhou. Gezeigt wurde eine halbszenische Fassung mit großem Orchester, ebenfalls unter der Regie von Gil Mehmert.
Mark Seibert als MAXIM DE WINTER
Mark Seibert war bereits in Wien als Maxim de Winter zu erleben. In Dortmund hat er die Rolle merklich weiterentwickelt.
Besonders im ersten Akt gelingt ihm ein reizvolles Spiel zwischen aristokratischer Dekadenz und der Faszination für die junge „Ich“. Dieser Maxim besitzt den Charme eines Mannes, der sich seiner Wirkung kaum vergewissern muss. Aufmerksamkeit ist er gewohnt. Widerspruch hingegen weniger.
Seibert macht verständlich, weshalb sich eine unerfahrene junge Frau von ihm angezogen fühlt. Hinter der gesellschaftlichen Sicherheit lässt er zugleich etwas Unzugängliches stehen. Nähe wird angeboten, ohne dass daraus schon Verlässlichkeit entsteht.
Gerade darin liegt die Qualität seiner Darstellung: Man versteht die Verführung und spürt trotzdem das Ungleichgewicht.
Sein Maxim wird dadurch interessanter als der auf seine Rolle reduzierter geheimnisvolle Gutsherr mit belasteter Vergangenheit. Er ist ein Mann, dessen Verletzlichkeit berührt und dessen Verhalten dennoch Fragen verdient. Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Antonia Kalinowski als „ICH“
Die eindrucksvollste Entwicklung des Abends gehört Antonia Kalinowski.
Ihre „Ich“ beginnt als junge Frau, die sich für ihre eigene Anwesenheit beinahe entschuldigt. Der gesellschaftliche Aufstieg verändert zunächst ihren Namen auf der Einladungskarte zum Ball, aber noch lange nicht ihr Selbstverständnis. Wer plötzlich zu einer Welt gehören soll, deren Regeln er nicht kennt, bewegt sich auch in prächtigen Räumen auf unsicherem Boden.
Kalinowski erzählt diese Unsicherheit so überzeugend, dass man mit ihr durch ein ganzes Spektrum von Befindlichkeiten geht. Man empfindet Mitleid. Man möchte sie vorführenden Blicken und verletzenden Bemerkungen entziehen. Gelegentlich möchte man sie auch schütteln, weil ihre Naivität schwer auszuhalten ist.
Und schließlich bewundert man sie.
Die Wandlung entsteht nachvollziehbar aus dem Erlebten. Kalinowski gibt ihrer Figur zunehmend Haltung, Entschlossenheit und den Mut, Raum einzunehmen. Auch gesanglich trägt sie diese Entwicklung mit großer Überzeugungskraft.
Das berührt die Herzen, denn hier wächst ein Mensch vor den Augen des Publikums, den man zuvor in seiner ganzen Unsicherheit begleitet hat.
Bettina Mönch als MRS. DANVERS
Und Mrs. Danvers? Ein Part der Top Ten ikonischer Frauenfiguren des Genres.
Bettina Mönch gehört zu jenen Darstellerinnen, deren Name bei der Besetzung einer starken Frauenrolle bereits Vertrauen schafft. In Dortmund bestätigt sie es mit einer Haushälterin, deren innere Kälte weit über die Grenzen Manderleys hinausreicht. Sie erfüllt den ganzen Zuschauerraum.
Mönch verleiht der verhärmten Figur eine Haltung, in der Kontrolle, Verachtung und eine unheimliche Bindung an die Tote zusammenfinden. Ihre Mrs. Danvers kann einen Raum beherrschen, ohne ihn sichtbar erobern zu müssen. Sie gehört längst zu seiner Ordnung und sie allein entscheidet, wer darin als Fremdkörper gilt.
Wenn sie singt, bekommt diese Macht ihre volle Dimension. Die Stimme macht hörbar, wie wenig Platz diese Frau für ein Leben jenseits ihrer Obsession übriggelassen hat. Ihre Boshaftigkeit ist erschreckend. Die Aussichtslosigkeit dahinter ebenso. Gerade dieser Abgrund bewahrt die Figur davor, zur bequem erkennbaren Bösewichtin zu werden. So verlangt sie dem Publikum allerhand (Mit-)gefühl ab.
Das Ensemble
Die Nebenrollen sind brillant besetzt. Dieser Abend lebt auch davon, dass die Gesellschaft um das zentrale Dreieck eigene Konturen bekommt: Eitelkeit, Standesbewusstsein, Herzlichkeit und Berechnung bilden das soziale Klima, in dem sich „Ich“ behaupten muss.
Das u. a. mit Folkwang-Absolventinnen und -Absolventen bestens ausgestattete Ensemble bringt dafür stimmliche Präsenz und körperliche Dynamik mit. Die großen Szenen entwickeln eine eindringliche Energie. Bewegung und Musik verdichten den Eindruck einer Welt, die genau beobachtet, wer dazugehört und wer sich erst noch bewähren soll.
Aus dem Graben kommt dazu ein fantastischer Klang. Die Dortmunder Philharmoniker geben Levays Musik Weite und Spannung, lassen die romantischen Passagen atmen und die bedrohlichen Momente nachwirken. Die Musik trägt die Stimmen und verstärkt zugleich, was zwischen den Figuren unausgesprochen bleibt. Man muss keine Partitur lesen können, um die Qualität dieses Zusammenspiels zu hören. Sie zeigt sich darin, wie selbstverständlich einen der Abend mitnimmt.
1926 ist weit entfernt. Oder?
Die Handlung beginnt 1926. Für ein heutiges Publikum sind manche gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten dieser Welt schwer erträglich. Dortmund entschärft gegenüber Wien einzelne Aussagen, etwa bei Maxims Schwager Giles. Das nimmt den betreffenden Momenten etwas von ihrer überzeichneten, bis ins Slapstickhafte reichenden Komik. Dafür dürfte sich manches Lachen im Zuschauerraum weniger unangenehm anfühlen. Eine nachvollziehbare Entscheidung. Ganz widerspruchsfrei ist sie nicht. Denn historische Herablassung verliert ihren Aussagewert, wenn sie zu glatt durch unsere Gegenwart kommt. Gerade die beiläufige Bemerkung kann zeigen, wie selbstverständlich Frauen einst eingeordnet, belächelt oder auf ihre Funktion reduziert wurden. Wird sie gemildert, erscheint womöglich auch die Gesellschaft freundlicher, als sie ist.
Entscheidend bleibt deshalb, ob die Machtverhältnisse hinter den Worten sichtbar bleiben. Bei „Rebecca“ gibt es dafür reichlich Anlass.
Wie frei wird diese „ICH“?
Der gesellschaftliche Aufstieg von „Ich“ führt zunächst in eine neue Abhängigkeit. Ihre Sicherheit, ihre Stellung und ihr vermeintliches Glück hängen an einem Mann, dessen Welt sie kaum versteht. Dass sie später selbstbewusster wird, ist ein Gewinn. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen: Wie viel von ihrer neuen Stärke dient ihr selbst? Und wie viel braucht die Geschichte vor allem, damit sie ihren Mann halten und schützen kann?
Darin liegt ein Widerspruch, den auch eine mitreißende Darstellung nicht auflösen muss. Weibliche Selbstbehauptung findet hier innerhalb einer Ehe statt, deren Ungleichgewicht lange den Ton vorgibt.
Auch Rebecca selbst bleibt eine Zumutung für jede einfache Lesart. Wir erfahren von ihr durch die Erinnerungen, Verletzungen und Interessen anderer. Wie verlässlich sind diese Stimmen? Wem glauben wir bereitwillig? Und weshalb?
Mrs. Danvers wiederum besitzt beträchtliche Macht, setzt sie aber gegen eine andere Frau ein. Sie bewacht eine Ordnung, in der sie selbst nur einen begrenzten Platz hat.
So stehen drei sehr unterschiedliche Frauen im Zentrum desselben Systems: die idealisierte Tote, die unsichere Nachfolgerin und die unerbittliche Bewahrerin. Sie werden verglichen, beurteilt und gegeneinander gestellt.
Ein Jahrhundert später ist uns dieser Mechanismus noch immer vertraut.
Warum Stadttheater Musicals nicht mehr scheuen
Am Ende dieses Abends versteht man gut, weshalb Musicals für Stadttheater so attraktiv sind. Sie bringen bekannte Stoffe, große Gefühle und ein Publikum zusammen, das sich nicht selbstverständlich über das klassische Opernrepertoire erreichen lässt.
Unter wirtschaftlichem Druck sind gut verkaufte Vorstellungen ein starkes Argument. Künstlerisch liegt die Chance darin, die Möglichkeiten des Hauses zu verbinden: Orchester, Werkstätten, Bühnentechnik und darstellerische Vielfalt.
Die Gefahr beginnt dort, wo der bekannte Titel die eigene Idee ersetzen soll. Dortmund zeigt, wie viel entstehen kann, wenn ein Haus in beides investiert. In die Anziehungskraft des Werkes einerseits und in die Qualität seiner Aufführung zum anderen.
Die Nachfrage spricht für sich. Bereits Ende September wurden drei Zusatzvorstellungen angekündigt. Auch diese Termine sind inzwischen so gut verkauft, dass der Spielplan für die verbleibenden Vorstellungen nur noch Restkarten oder ausverkaufte Häuser ausweist. Nach diesen Restkarten zu suchen, lohnt sich.
Nicht nur für die Stimmen, die Musik und die großartige Umsetzung; sondern für die Geschichte einer Frau, die einen Platz ersehnt, für ihn kämpft und dann ihr bestes „ICH“ erstrahlen lässt.
Danke, Dortmund, für ein Manderley mitten im Ruhrgebiet!