EASY STAR DE TALMA & Steve GUERDAT; ©Sportfot -JUMPING DINARD

Das Jumping International de Dinard ist Spitzensport, Volksfest und Farbexperiment zugleich. Der Eintritt ist frei, das Publikum fachkundig und der Rasenplatz so eigenwillig wie die gesamte Veranstaltung. Vor allem aber zeigt dieses Turnier, was dem Pferdesport andernorts bisweilen fehlt: eine erkennbare Persönlichkeit.

Pink. Kein verschämter Farbtupfer am Rande. Pink. Die Hindernisse, Blumenkästen samt Inhalt, Fahnen und Banden: alles pink. Helfer, Dekorationen, Schleifen, Plakate, Siegerdecken – alles, was sich irgendwie einfärben lässt, trägt die Signaturfarbe des Jumping International de Dinard. Selbst dort, wo Rolex sein unverkennbares Grün ins Spiel bringt, behauptet sich das Pink mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Es ist kühn, es ist fröhlich und es funktioniert. Wie ein Gute-Laune-Katalysator legt sich die Farbe über den traditionsreichen Turnierplatz im bretonischen Val Porée. Wer zum ersten Mal nach Dinard kommt – so wie wir in diesem Jahr –, versteht innerhalb weniger Minuten: Dieses Turnier möchte nicht austauschbar sein.

Und genau deshalb bleibt es im Gedächtnis.

Eine Farbe wird zur Haltung

Das Pink ist keine zufällige Spielerei einer Marketingagentur. Danièle Mars, Präsidentin des Turniers, erklärt die Farbwahl mit dem Kontrast zum satten Grün des großen Rasenplatzes. Pink lasse die Veranstaltung selbst dann leuchten, wenn der bretonische Himmel grau bleibt. In diesem Jahr allerdings zeigte er sein schönstes Blau. Zugleich erinnert die Farbe an die Hortensie, jene Blume, die in der Bretagne beinahe so selbstverständlich zum Landschaftsbild gehört wie Granithäuser, Gezeiten und salzige Luft. 

Das klingt zunächst nach Gestaltung. Tatsächlich ist es längst Identität. Während viele Turniere versuchen, über austauschbare Eleganz Hochwertigkeit zu erzeugen, erlaubt sich Dinard Charakter. Die Farbe zieht sich durch das gesamte Gelände und verbindet großen Sport mit Lebensfreude. Vielleicht ist das eine der ersten Lektionen, die Dinard dem Pferdesport erteilt: Tradition muss nicht steif sein.

Mehr als ein Jahrhundert Pferdesport

 2026 wurde in Dinard bereits die 114. Ausgabe des internationalen Turniers ausgetragen. Seit mehr als einem Jahrhundert gehört der Ort zur Geschichte des Springsports. Olympiasieger, Welt- und Europameister haben den großen Rasen im Val Porée betreten, lange bevor die Veranstaltung Teil der Rolex Series wurde.

Heute zählt Dinard zu den bedeutenden internationalen Stationen dieser Serie. Das Turnier war 2026 deren fünfte Etappe und im internationalen Turnierkalender nur wenige Tage vor den Weltmeisterschaften in Aachen. Entsprechend hochkarätig war das Starterfeld: Sechs Reiter aus den Top Ten der Welt, mehrere frühere Sieger sowie zahlreiche für Aachen vorgesehene Paare nutzten Dinard als einen letzten großen sportlichen Test.

Für Deutschland gingen mit Richard Vogel, Christian Ahlmann und Christian Kukuk drei der bekanntesten Namen des Springsports an den Start. Christian Ahlmann gelang im abschließenden Rolex Grand Prix sogar der Sprung auf den zweiten Platz.

Eintritt frei, Begeisterung unbezahlbar

Der Zugang zum Gelände und zu einigen Tribünen ist frei. Lediglich für Plätze auf der überdachten Tribüne waren Reservierungen erforderlich – und diese waren frühzeitig vergeben. Man könnte meinen, ein kostenfreies Angebot verliere an Exklusivität. In Dinard geschieht das Gegenteil.

Die Menschen kommen zahlreich, sie bleiben lange und sie schauen genau hin. Familien sitzen neben erfahrenen Pferdeleuten, Kinder stehen an den Begrenzungen, Einheimische feiern ihre französischen Stars, ohne den Respekt vor den Reitern anderer Nationen zu verlieren. Ein guter Ritt wird bejubelt, gleichgültig, welche Flagge auf der Anzeigetafel erscheint. Die französischen Lokalmatadore werden ohne Zweifel lauter empfangen. Das ist keine Geringschätzung der anderen, sondern jene Form von sportlichem Patriotismus, die Atmosphäre schafft, ganz ohne unfair zu werden.

Ein Rasenplatz erzählt Geschichte

Der große Platz im Val Porée ist kein sanfter grüner Teppich. Er fällt ab, steigt wieder an, wird von Bäumen gerahmt und durch Wälle strukturiert. Der Parcours befindet sich nicht nur auf diesem Gelände – er arbeitet mit ihm zusammen.

Das unterscheidet Dinard von den ebenfalls berühmten, aber gleichmäßigeren Rasenplätzen in Aachen oder Hamburg. Reiter müssen ihre Strategie entsprechend planen und den Galoppsprung der Vierbeiner fein justieren. Dass diese Gegebenheiten einigen Pferden entgegenkamen, war deutlich zu beobachten. Viele wirkten aufmerksam, interessiert und erstaunlich zufrieden. Der großzügige Platz erlaubt einen fließenden Galopp. Die natürlichen Veränderungen scheinen manche Pferde eher zu motivieren als zu verunsichern.

Steve Guerdat brachte es nach seinem Derbysieg sinngemäß auf den Punkt: Das Galoppieren über einen großen Rasenplatz mit Anstiegen und Gefällen könne einem Pferd mehr Freude bereiten, als immer nur seine Runden auf einem ebenen Sandplatz zu ziehen.

Natürlich ist das kein Freibrief. Ein anspruchsvolles Gelände verlangt Vorbereitung, Balance und einen Reiter, der seinem Pferd zuhört. Genau darin liegt die sportliche Qualität.

Steve Guerdat und die Lust am Derby

Das Derby gehört zu den Höhepunkten von Dinard. Natürliche Hindernisse, Wälle, Wasser und wechselndes Gelände machen daraus mehr als eine gewöhnliche Springprüfung. Gefragt sind Mut und Geschwindigkeit, vor allem aber Vertrauen.

Den Sieg holte sich der Schweizer Olympiasieger mit Easy Star de Talma, mit mehr als fünf Sekunden Vorsprung zum Zweitplatzierten Armando Trapote mit Caept’n Hook.

Pieter Devos gewinnt den ROLEX Grand Prix mit einem Pferd aus eigener Zucht

Im mit 1,60 Metern ausgeschriebenen Rolex Grand Prix Ville de Dinard erreichten nur drei Paare das Stechen. Am schnellsten blieb der Belgier Pieter Devos mit Primo DV. In 47,42 Sekunden sicherte sich das Paar den Sieg vor Christian Ahlmann und Max Kühner.

Die Geschichte hinter diesem Erfolg macht ihn besonders: Devos hat Primo DV selbst gezogen. Der heute elfjährige Wallach kam nicht als fertiges Spitzenpferd in seinen Stall. Devos begleitet ihn sein Leben lang. In einem Sport, in dem Pferde auf ihrem Weg nach oben häufig Besitzer und Reiter wechseln, bekommt ein solcher Sieg eine andere Tiefe. Er erzählt von all den Jahren, die zwischen der Hoffnung auf ein gutes Pferd und dem Gewinn eines Fünf-Sterne-Grand-Prix liegen.

Was die Anzeigetafel nicht verrät

Eine der Lieblinge des französischen Publikums war Mégane Moissonnier. Die Französin ritt mit viel Gefühl, ließ ihren Pferden Raum und fand ihre Distanzen mit einem bemerkenswert guten Auge. Das Publikum nahm diese Feinheiten wahr. Es reagierte nicht erst auf die Ergebnisanzeige, sondern bereits auf die Art, wie eine Runde entstand.

Das Publikum sieht mehr, als manche Verantwortliche ihm zuzutrauen scheinen, aber eben auch nicht weniger als über Social Media geteilte Momentaufnahmen vermitteln können. Deutlich wurde die Aufmerksamkeit der Zuschauer auch bei einem anderen Ritt. Ein namhafter europäischer Reiter blieb fehlerfrei und schnell. Sportlich lieferte die Anzeigetafel kaum Anlass zur Kritik. Das Pferd jedoch wirkte im Parcours sehr unzufrieden.

Es geht nicht darum, einzelne Reiter öffentlich anzuklagen oder eine nicht einmal zweiminütige Sequenz zum endgültigen Urteil zu erklären. Es geht um die Frage, welche Leistung der Pferdesport künftig belohnen und feiern möchte.

Der Pferdesport braucht Orte wie Dinard

Dinard zeigt, wie lebendig Spitzensport sein kann, wenn er sich nicht hinter Exklusivität verschanzt. Ein freier Eintritt entwertet das Turnier nicht. Er öffnet es. Eine leuchtende Farbe nimmt ihm nicht die Tradition. Sie macht sie sichtbar. Ein anspruchsvoller Rasenplatz erschwert den Parcours nicht. Er erinnert daran, dass Springreiten einmal aus dem Reiten durch echtes Gelände entstanden ist.

Und ein fachkundiges Publikum stört den Sport nicht. Es ist seine wichtigste Zukunftsversicherung.

Die Zuschauer in Dinard feiern Siege. Aber sie feiern nicht nur Namen, Zeiten und Nationalfarben. Sie feiern Harmonie, Mut, Übersicht und jene Ritte, bei denen das Pferd nicht wie ein Mittel zum Ergebnis wirkt, sondern wie dessen gleichberechtigter Urheber.

Und vielleicht ist das die stärkste Farbe dieses Turniers.

 

PRIMO DV & Pieter DEVOS; ©Sportfot
SHEERAN WL & Christian AHLMANN; ©Sportfot