© Deen van Meer

Zwischen Krone und Kontrollverlust

Was bleibt häufig von Frauenfiguren der Geschichte? Gemälde. Starr. Ehrwürdig. Kaum noch greifbar. Maria Theresia gehört dazu. In Wien steht sie aus Bronze auf ihrem Denkmal, streng blickend, als Mittelpunkt eines Systems aus Macht, Verwaltung, Militär, Wissenschaft und Kunst. Eine Monarchin aus dem Schulbuch. Reformerin. Mutter Europas. Kaiserin. Ja, Kaiserin, auch wenn es gerne anders dargestellt wird.

Ein Musical holt sie vom Sockel ….

… und lässt die „Schwiegermutter Europas“ knappe drei Stunden performen. Mit „Maria Theresia – Das Musical“ erzählen die Vereinigten Bühnen Wien die Geschichte einer Frau, die nicht als Herrscherin geboren wurde, sondern eine Rolle übernehmen musste – vielleicht sogar wollte, die ihr niemand zutraute. Schon gar nicht die Männer bei Hofe und die politischen Gegner. Allen voran Friedrich von Preußen. 

Das Musical setzt dabei weniger auf historische Museumsatmosphäre als auf Energie. Moderne Beats, schnelle Szenenwechsel, Machtkämpfe, die wie ein großer politischer Schlagabtausch der Gegenwart daher kommen. Das wirkt überraschend zeitgenössisch, manchmal fast provokant modern. Und genau darin liegt der Gedanke dieser Inszenierung: Maria Theresia soll keine ferne Monarchin bleiben, sondern eine Frau werden, deren Konflikte plötzlich erschreckend aktuell sind.

Eine Frau, die nicht regieren sollte

Denn ihre Geschichte beginnt nicht mit Macht. Sondern mit Widerstand.

Als junge Erzherzogin interessiert sich Maria Theresia für Politik, Bildung und gesellschaftliche Fragen. In einer Zeit, in der Frauen vor allem repräsentieren sollten. Das Musical zeigt sie als intelligente, unruhige junge Frau, die sich nicht mit der dekorativen Rolle zufriedengeben will.

Historisch trifft das zu: Maria Theresia wurde zwar auf ihre spätere Rolle vorbereitet, doch Europa hielt eine Frau an der Spitze eines Großreiches für eine Schwachstelle.

Als sie 1740 die Herrschaft übernimmt, beginnt sofort der Kampf. Preußen fällt in Schlesien ein, Verbündete wenden sich ab, europäische Mächte wittern ihre Chance. Die junge Herrscherin muss nicht nur regieren lernen; sie muss zunächst beweisen, dass sie überhaupt regieren darf.

Die Stärke der Beharrlichkeit

Maria Theresia war keine Visionärin im modernen Sinn. Sie war auch keine Revolutionärin. Aber sie besaß etwas, das vielen Herrschern fehlte: Beharrlichkeit. Sie gab nicht auf. Weder nach militärischen Niederlagen, noch nach persönlichen Verlusten. Auch 16 Geburten (sie war circa 20 Jahre schwanger, in einer Zeit, in der unzählige Frauen bei Geburten starben) und ein politisches System, das Frauen eigentlich ausschloss, hinderten sie nicht an der Machtstellung.

Sie reformierte Verwaltung und Bildung, modernisierte Teile des Staates und schuf Strukturen, die Österreich langfristig prägten. Die Schulpflicht etwa geht wesentlich auf ihre Reformpolitik zurück. Gleichzeitig verstand sie sehr genau, wie Macht funktioniert und wie sie inszeniert werden muss.

Das Musical greift diese Spannung geschickt auf. Es zeigt keine stille Landesmutter, sondern eine Frau unter permanentem Druck. Eine Herrscherin, die Entscheidungen treffen muss, obwohl ihr ständig vermittelt wird, sie sei dafür eigentlich nicht geschaffen.

Die Schattenseiten der Kaiserin

Doch das Spannende an Maria Theresia liegt nicht allein in ihrer Herrschaft als Frau; ihre Persönlichkeit hat polarisiert.

Sie war kontrollierend. Tief religiös. Mitunter gnadenlos. Historische Quellen zeigen eine Frau, die ihre Kinder strategisch verheiratete, politischen Widerspruch kaum duldete und gesellschaftliche Gruppen ausgrenzte.

Besonders ihr Umgang mit jüdischen Menschen bleibt ein dunkles Kapitel ihrer Herrschaft. Deportationen und antisemitische Maßnahmen gehörten ebenso zu ihrer Regierungszeit wie Reformen und Modernisierung.

Das Musical deutet diese Schattenseiten – wenn überhaupt – nur an. Doch eben in ihren Widersprüchen wird die historische Maria Theresia interessant.

Sie kämpfte gegen männliche Machtstrukturen, reproduzierte aber selbst autoritäre Systeme.

Sie war Mutter und benutzte ihre Kinder politisch.

Sie wollte Stabilität schaffen und regierte trotz Angst vor Kontrollverlust.

Mehr Mensch als Denkmal

Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Figur bis heute funktioniert. Weil sie eben nicht nur Denkmal ist. Sondern Mensch.

Die Vereinigten Bühnen Wien knüpfen mit „Maria Theresia“ bewusst an jene große Tradition ihrer historischen Eigenproduktionen an, aus der bereits „Elisabeth“ oder „Mozart!“ hervorgingen. Wieder geht es weniger um trockene Geschichtsstunde als um die Frage, was hinter den ikonischen Bildern verborgen liegt.

Das Musical im Ronacher Theater

Nahezu jeden Abend steht „MT“ jetzt auf der Bühne des Ronacher Theaters. Als junge Frau mitten im Lärm eines Hofes, der ihr keinen Platz zugedacht hatte.

Im Mittelpunkt stehen die großen Themen. Die Rivalität mit Friedrich von Preußen, die Liebe zu ihrem Mann Franz Stehphan (trotz seiner erotischen Eskapaden) und die Wandlung von einer quirligen jungen Frau zur Ikone der Weltgeschichte.

Ein Hofstaat in Bewegung

Das Musical denkt groß, nicht nur mit der Geschichte, sondern auch in seinen Bildern.

Das Bühnenbild erschafft keinen historischen Schauraum, sondern eine Welt permanenter Bewegung. Ebenen wechseln, Machtzentren verschieben sich, Stufen werden zu Brücken und Thronsäle zu Schlachtfeldern.  Tableaus entstehen kraftvoll und verschwinden im nächsten Moment. Je größer Maria Theresias Einfluss, desto monumentaler erscheinen die Räume um sie herum. Gleichzeitig wirkt sie darin allzu menschlich. Das Zusammenspiel aus originalgetreuen Nachbildungen und modernem Viedeodesign berauscht über das gesamte Stück hinweg.

Kostüme als politische Sprache

Besonders eindrucksvoll gelingt die Verbindung von Historie und Gegenwart in den Kostümen.

Natürlich finden sich Anklänge an die Mode des 18. Jahrhunderts in opulenten Stoffen, Uniformen, Reifröcken und höfischer Silhouette. Historische Genauigkeit und mutige Extravaganz als kongeniales Zusammenspiel bestimmen die Outfits.

Maria Theresias Garderobe entwickelt sich dabei sichtbar mit ihrer Persönlichkeit. Aus der jungen Erzherzogin wird Schritt für Schritt eine Herrscherin. Wo anfangs noch Leichtigkeit und Jugend dominieren, treten später Struktur, Schwere und Autorität in den Vordergrund.

Auch die Männerfiguren erzählen über ihre Kleidung von Machtansprüchen und Rivalitäten. Besonders Friedrich von Preußen erscheint weniger als historische Figur denn als moderne Projektionsfläche für Ehrgeiz, Strategie und Selbstinszenierung.

Ein Soundtrack für die Geschichte

Die Musik vom Vater/Sohn Duo Dieter und Paul Falk verzichtet darauf, historische Klänge nachzubilden. Stattdessen setzt sie auf eine moderne Musicalsprache, die Pop, Rap, Rock und orchestrale Elemente miteinander verbindet.

Das Ergebnis ist ein Soundtrack, der nicht das 18. Jahrhundert illustrieren will, sondern die Emotionen seiner Figuren freilegt.

Große Balladen geben Einblick in die Zweifel und Sehnsüchte der Protagonisten. Ensemble-Nummern treiben die Handlung mit enormer Energie voran. Immer wieder entstehen musikalische Momente, die weniger an ein Historienmusical erinnern als an eine moderne Netflix-Serie auf der Bühne.

Gerade darin liegt die Stärke der Komposition: Sie schafft Nähe. Die historischen Figuren verlieren ihre Patina und werden Menschen aus Fleisch und Blut.

Die Lieblinge der Herzen: das Ensemble

Die Höflinge, Militärs, Berater, Familienmitglieder und politischen Gegner bilden ein dichtes Geflecht aus Beziehungen, Loyalitäten und Intrigen.

Die Produktion entwickelt eine Sogwirkung, die man von den Wiener Großproduktionen kennt. Chor, Tanz und Schauspiel verschmelzen zu Bildern und schaffen eine Illusion, die über den Theaterbesuch hinaus lebendig bleibt.

Wien kann Historienmusical

Vielleicht liegt genau darin die größte Qualität dieser Produktion. Die Vereinigten Bühnen Wien versuchen gar nicht erst, Geschichte eins zu eins nachzuerzählen. Sie machen aus Geschichte Theater.

In Erinnerung bleibt die erstaunliche Modernität einer Frau, die vor fast drei Jahrhunderten lebte und deren Kampf um Anerkennung noch immer erstaunlich vertraut wirkt.

Am Ende der Vorstellung ist man sich einig: WIR ALLE SIND MT.

 

Friedrich und MT: Ein Tanz aus Macht und gegeseitiger Faszination

Als Maria Theresia 1740 den Habsburger Thron erbte, war Friedrich gerade wenige Monate König von Preußen. Er war erst 28 Jahre alt.

Während viele europäische Herrscher abwarteten, marschierte er in Schlesien ein – eine der reichsten Provinzen der Habsburgermonarchie. Für Maria Theresia war das Verrat und Raub. Für Friedrich war es kluge Machtpolitik.

Der daraus entstehende Österreichische Erbfolgekrieg machte die beiden zu lebenslangen Rivalen.

Maria Theresia verzieh ihm die Eroberung Schlesiens nie.

Der Philosoph auf dem Thron

Friedrich kultivierte das Bild des aufgeklärten Herrschers. Er spielte Flöte, schrieb Bücher, korrespondierte mit dem französischen Philosophen Voltaire und sprach lieber Französisch als Deutsch.

Er förderte Wissenschaft, Kunst und Bildung. Sein Schloss Sanssouci wurde zum Zentrum europäischer Gelehrter.

Doch hinter dem kultivierten Intellektuellen stand ein äußerst harter Machtpolitiker.

Ein schwieriger Mensch

Historische Berichte beschreiben Friedrich als brillant, aber emotional verschlossen. Seine Kindheit war von einem konfliktreichen Verhältnis zu seinem Vater geprägt.

Als junger Mann versuchte Friedrich zu fliehen. Sein engster Freund, Hans Hermann von Katte, wurde dafür hingerichtet. Friedrich musste der Exekution zusehen.

Warum Maria Theresia ihn hasste

Für Maria Theresia war Friedrich weit mehr als ein politischer Gegner. Er war die Person, die ihre Schwäche ausnutzte. Dass er sie mit jeder Niederlage nur stärker machte, ahnte er nicht.

Sie bezeichnete ihn mehrfach als unzuverlässig und moralisch fragwürdig. Friedrich wiederum hielt Maria Theresia für stur, religiös und rückwärtsgewandt.

Und doch respektierten sie einander.

Beide wussten, dass sie dem jeweils stärksten politischen Gegner ihrer Zeit gegenüberstanden.

Die eigentliche Ironie

Während Friedrich der Große heute oft als Symbol preußischer Stärke gilt und Maria Theresia als mütterliche Landesfürstin erinnert wird, waren die Rollen historisch komplizierter. Friedrich führte sein Land durch Kriege zu europäischer Bedeutung, hinterließ aber keinen legitimen Nachfolger und keine stabile dynastische Zukunft.

Maria Theresia verlor Schlesien, reformierte jedoch ihr Reich grundlegend und schuf Strukturen, die die Habsburgermonarchie noch lange tragen sollten.

Friedrich ist kein klassischer Bösewicht. Er ist der Mann, der Maria Theresia zwang, über sich selbst hinauszuwachsen. Ohne Friedrich den Großen wäre sie vermutlich eine erfolgreiche Herrscherin geworden. Durch ihn wurde sie zu einer historischen Ausnahmegestalt.

Wie wäre es mit „Friedrich von Preußen – im Schatten der Macht“, liebe Vereinigte Bühnen Wien?

 

MARIA THERESIA im Ronacher

Mit Nienke Latten, Moritz Mausser, Fabio Diso, Annemieke van Dam, Annemarie Lauretta, Dominik Hees, Andreas Wolfram, Aeneas Holweg und Amelie Polak fasziniert MARIA THERESIA - DAS MUSICAL ein begeistertes Publikum. Hier geht es zu den Tickets! (Foto: © Deen van Meer)