THE LODGER/Oper Wupptertal Premierencast am 18. April 2026

Die Tür fällt leise ins Schloss, ein Fremder tritt ein und mit ihm zieht eine Unruhe durch den Raum, die sich für den Rest der Vorstellung nicht mehr abschütteln lässt. Mit The Lodger hat die Oper Wuppertal einmal mehr bewiesen, welch feines Gespür sie für die verborgenen Schätze der Operngeschichte besitzt. Die Premiere geriet zu einem Abend, der weniger auf vordergründigen Schrecken setzt als auf das leise, stetige Vibrieren innerer Zustände.

JACK THE RIPPER ist der Untermieter

Die 1960 uraufgeführte Oper von Phyllis Tate basiert auf dem Roman The Lodger von Marie Belloc Lowndes – einer literarischen Verarbeitung der Legende um Jack the Ripper. Doch wer hier eine kriminalistische Nacherzählung erwartet, liegt falsch. Tate verschiebt die Perspektive. Die Untaten des Serienmörders bleiben schemenhaft, fast abstrakt. Umso präsenter die Haltung, die Zachary Wilson seiner Version vom Lodger schenkt.

Whodunit?

Im Zentrum des Stücks steht Emma Bunting – und mit ihr die Frage, was passiert, wenn das Grauen nicht draußen lauert, sondern sich langsam ins eigene Haus und Denken einschleicht. Diese Entscheidung ist klug – und erstaunlich zeitlos. Denn Emma (Edith Grossman) ist keine Ermittlerin, keine Heldin, sondern eine Beobachtende, Zweifelnde, Zerrissene. Ihr Innenleben wird zur eigentlichen Bühne des Abends. Man folgt ihr dabei, wie sie zwischen Faszination und Furcht schwankt, wie sie Indizien sammelt und gleichzeitig gegen die eigene Vorstellungskraft ankämpft. Es ist diese leise Verschiebung vom „Wer war es?“ zum „Was macht das mit mir?“, die sich wie roter Faden durch den Abend zieht.

Familie Bunting zwischen Zweifel und Moral

Die Launen seiner Frau ertragend zeigt sich George Bunting (Andrew Nolen) als verständnisvoller Ehemann, dem es stimmlich wie mimisch wunderbar gelingt zwischen seinen Frauen (Daisy, seine Tochter kündigt ihren Besuch an) zu agieren. Mit Understatement, Unaufgeregtheit und vertrauensvoller Haltung ist er der Fels in der Brandung.

Den lebhaften Kern des Abends bildet Marianna Ortugno als Daisy Bunting. Als Mitglied des Opernstudio NRW – einem Förderprogramm für junge Operntalente, das Sängerinnen und Sänger an große Häuser heranführt – zeigt sie eine bemerkenswerte Reife. Ihr Spiel ist präzise, ihr Gesang durchlässig für jede Nuance von Unsicherheit, Neugier und Angst. Man glaubt ihr jeden Gedanken, noch bevor er ausgesprochen wird und die Fragezeichen auf ihrem charismatischen Gesicht tanzen bis in die letzte Reihe des Theaters.

Kein Wunder, dass Joe Chandler (Merlin Wagner) bis über beide Ohren in Daisy verliebt ist und auch die Gunst seiner zukünftigen Schwiegereltern genießt. Hier lenkt keine Nebenhandlung in Form von einem männlichen Konkurrenzkampf von Emmas intrinsischer Herausforderung ab. Nichtsdestotrotz hat der behände Cop Chandler eine spritzige Art Beruf und Privates keinesfalls zu trennen.

Ein Mörder mit Niveau?

In der Titelrolle bringt Zachary Wilson genau die richtige Mischung aus Distanz und Präsenz mit. Sein Lodger ist kein offensichtlicher Dämon, sondern ein Mann, der sich dem Zugriff entzieht. Eine Figur, die eher durch Haltung als durch Handlung wirkt – kühl, kontrolliert, und gerade deshalb so beunruhigend gelassen. In den höheren Tonlagen dieser im Bariton angesiedelten Rolle zeigt Zachary Wilson die Verunsicherung der tragischen Figur und erreicht, was stutzig macht: Mitgefühl.

Musikalische Spannungsbögen

Musikalisch entfaltet sich eine dichte, beinahe filmische Atmosphäre. Das Sinfonieorchester der Wuppertaler Bühnen unter der Leitung von Yorgos Ziavras zeichnet feine psychologische Linien, arbeitet mit subtilen Spannungsbögen und lässt immer wieder Raum für diese unheimlichen Zwischenmomente, in denen nichts oder alles passiert. Die Musik ist nie plakativ, sondern tastet sich vor, als habe sie selbst zu viel Angst vor der Wahrheit.

Die weibliche Sicht auf die Dinge

Und dann ist da noch diese leise, fast ironische Ebene: Die weibliche Perspektive auf einen Serienmörder. Während die Welt draußen nach Fakten sucht, kreist Emma Bunting um Gefühle. Ist das schon naiv? Oder Projektion? Vielleicht aber die genauere Form der Wahrnehmung. Die Oper stellt diese Fragen, ohne sie auszuformulieren und erlaubt sich dabei einen Hauch von Humor. Denn irgendwo zwischen „Mörder“ und „Untermieter mit Format“ liegt eine Form von gedanklicher Akrobatik, die erschreckend nachvollziehbar ist.

Ulrich Zipelius kreierte mit dem Opernchor der Wuppertaler Bühnen eine Cockney-Gesellschaft par Excellence. Ein Augen- und Ohrenschmaus.

Bühne und Kostüm: ein Hochgenuss

Auch das Bühnenbild bleibt konsequent im Dienst dieser inneren Spannung. Papierdünne Wände lassen sich unbeobachtet Wähnende unter genauester Beobachtung. Das London um 1880 erscheint nicht als historisierende Postkarte, sondern als bewusst reduzierter Raum. Dunkles Holz, schwere Möbel, ein Salon, der mehr verbirgt als zu zeigen. Alles wirkt gewollt zu ordentlich, zu arrangiert, als könne jeden Moment etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Die Enge des viktorianischen Interieurs wird hier zur psychologischen Falle. Türen, Flure, Treppen und Übergänge, aber kein wirklicher Ausweg. Das Mobiliar lauscht mit. Alyson Cummins sei Dank!

Die Kostüme greifen diese Atmosphäre präzise auf. Lange Kleider, hochgeschlossene Krägen, kaum Farben – viel Grau, dunkles Blau, ein vorsichtiges Braun und unschuldiges Weiß bei Emma Bunting. Die Damen erscheinen geschniegelt, während die Herren mit Mänteln, Anzügen und Hüten jene Mischung aus Respektabilität und Anonymität tragen, die im London dieser Zeit überlebenswichtig war. Emma verändert sich subtil im Verlauf des Abends; kleine Verschiebungen in Haltung und Erscheinung spiegeln ihren inneren Zustand. So wird das Kostüm nicht nur zur historischen Verortung, sondern zum leisen Kommentar über Kontrolle, Anpassung, und dem, was darunter brodelt. Evelien von Camp trifft mit Liebe zum Detail den Zahn der Zeit.

THE LODGER demnächst im WDR

Das Publikum dankte es mit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen – ein einhelliger Moment der Begeisterung für ein Werk, das so selten gespielt wird. Ein weiterer Beweis dafür, dass es sich lohnt, abseits des Repertoires zu graben.

Dass die Premiere zudem vom WDR aufgezeichnet wurde, gibt Anlass zur Hoffnung, dass dieser Abend über Wuppertal hinaus nachhallen wird. Verdient hätte er es. Denn The Lodger zeigt, wie spannend Oper sein kann, wenn sie nicht nur Geschichten erzählt, sondern Gedankenräume öffnet – und dabei das Unheimliche nicht mit Blut, sondern im Kopf verteilt.

THE LODGER

Oper in zwei Akten von Phyllis Tate. Libretto von David Franklin. Nach dem gleichnamigen Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Foto: Matthias Jung