Reiter am Pranger? Vom Pferdemädchen zum Tierquäler – nur eine Nuance im Netz

Unsere Redakteurin sprach mit Dr. Britta Schöffmann über die Entwicklung im Pferdeleistungssport und unschöne Bilder auf Social Media Plattformen

Schön, wenn es so entspannt auf den Arbeiteplätzen zugeht (Hubertus Schmidt und Isabell Werth kurz vor einer Siegerehrung in Balve)

Rückblick: Immer wieder machen im Netz Bilder von Abreiteplätzen großer Turnierveranstaltungen die Runde, auf denen Pferde in nicht regelkonformer Art und Weise präsentiert werden. Auf den meisten wird eine zu enge Haltung des Halses gezeigt (Rollkur), die dem Genick und somit dem gesamten Pferdekörper kaum Bewegungsspielraum lässt. Tierquälerisch wirken falsch eingestellte Zäumungen und eine harte Zügelführung.

Ich reite seit mehreren Jahrzehnten und bin zu Gast bei Großveranstultugen im Reitsport seit ich laufen kann. War ich früher zu unaufmerksam oder gab es diese Dinge gar nicht? Ein bisschen kann ich mir die Frage selbst beantworten: Natürlich gab es sie, leider. Aber in etwas anderer Form und sie waren nicht so präsent wie heute.
Früher wurde z. B. nicht unmittelbar vor den Augen der Zuschauer abgeritten, da bekam das Publikum die Paare oft erst im Stadion zu sehen. Außerdem sind die Anforderungen an Ross und Reiter stetig gewachsen und tun es noch. Gerne hätte ich zu diesem Thema auch mit mir bekannten FEI-Mitarbeitern gesprochen, aber Ihnen wurde ein Interviewverbot auferlegt.
Daher freue ich mich um so mehr, dass sich Dr. Britta Schöffmann bereit erklärte, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Und ihre Einschätzung der ganzen Diskussion bringt Licht ins Dunkel:

Glaubt man mitwirkenden Stimmen, soll sich die Gesamtsituation im Leistungssport verbessert haben. Stimmt das?
Jein: Der Spitzensport entfernt sich momentan vom klassischen Reitsport. Es muss offenbar immer mehr „gestrampelt“ werden, und das ist nicht im Sinne des Erfinders. Kenner wissen: Ein harmonischer, schöner Ritt, das ist echte Reitkunst. Doch Reiten lernen ist harte Arbeit für den Reiter – damit es für die Pferde angenehm ist.
Und genau das ist es, was auf Turnieren oft vermisst wird. Ich möchte den Pferden ansehen, dass auch sie Spaß haben. Und dazu gehören unter anderem ein aufmerksames Ohrenspiel, ein entspannter Gesichtsausdruck  und ein schwingender Schweif. Ein harmonischer Ritt berührt das Herz des Zuschauers, ganz ohne laute Musik und überzeichnete Beinarbeit.
Und trotzdem: Auf der anderen Seite hat sich die Situation im Turniersport verbessert, denn die Kontrollmechanismen wurden optimiert, die Reiter und Trainer stehen unter Beobachtung (durch Stewarts o.Ä.) und müssen sich bei offiziellen Veranstaltungen an Regeln halten. Und trotzdem beweisen manche Bilder, dass das nicht reicht. Oft sind die Stewarts eingeschüchtert, wenn ein namhafter Reiter oder Trainer nicht auf die Ermahnung reagiert oder wohlmöglich laut wird. Den Stewarts muss der Rücken gestärkt werden, sie müssen ihren Job ungestraft und ohne Angst machen dürfen, nur dann macht er Sinn. Und nur dann könnte man gewährleisten, dass auch die Rollkur-Reiter ihre Reitweise überdenken und ändern.

Müssten dann auch die Organisatoren, 
die Zuschauer und die Züchter umdenken?

Ganz genau, Richter, Reiter, Pferdebesitzer alle zusammen. Diejenigen, die in der Öffentlichkeit stehen haben die Macht, Dinge zu ändern. Ich meine Reiter, Richter und Verbände. Sie haben eine große Lobby und auch viel Einfluss auf das Publikum und im Alltäglichen auf die Hobbyreiter, die die breite Basis bilden. Wenn sie mit gutem Beispiel – sich selbst auch mal hinterfragend – voran und mit artgerechten Lehrmethoden an die Basis gehen, wie das natürlich schon viele tun, wird sich die Reiterei erholen und keiner muss mit seinem Hobby hinterm Berg halten, aus Angst vor Tierschützern oder Militanten.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Die Überkritisierung durch soziale Medien tut ihr Übriges und hier ist wirklich jeder einzelne gefragt. Man muss sich bewusst sein, was für Auswirkungen der ein oder andere Post haben kann. Durchaus auch Gutes, denn viele Missstände wurden dadurch aufgedeckt. Ein großer Erfolg. Aber es wird auch unreflektiert Meinung gemacht und das nützt niemandem. Wir können und wollen die Uhr nicht zurück drehen, sondern sollten lernen, mit den Möglichkeiten der sozialen Medien verantwortungsvoll umzugehen.

Wären „Good News“ eine Möglichkeit?
Sie wären zumindest ein Ansatz. Hier sind Pferdebesitzer und natürlich die Medien gefragt, denn leider gelten positive Nachrichten oft als langweilig, interessanter erscheinen negative Meldungen. Das muss sich ändern. Und ein Stück weit die Grundeinstellung zur Reiterei. Doch Liebe zum Pferd allein reicht dafür nicht aus. Ich vergleiche sie gerne mit Musik: Auch da reicht die Liebe zur Musik nicht aus, ein guter Musiker zu werden. Übertragen auf den Reitsport heißt das: Wer Pferde liebt, ist nicht automatisch ein guter Reiter. Ich appelliere deshalb an jeden einzelnen, sich und seinen Umgang mit den Pferden regelmäßig zu hinterfragen und sich weiterzubilden. Der erste Schritt sollte ein abwechslungsreiches, altersgerechtes und auf das Pferd individuell abgestimmtes Training sein. Denn eins steht fest: Richtig reiten reicht. Mit diesem Satz traf und trifft der verstorbene Pferdemann Paul Stecken den Nagel auf den Kopf.

Dr. Britta Schöffmann (rechts) in Aktion (Foto @Bärbel Schnell)

„Mein Fazit: Früher war nicht alles besser, es haben nur nicht alle zugesehen. Wichtig ist, dass sich Emotionalität und Fachlichkeit die Waage halten. Dann geht es leidenschaftlich weiter mit dem „schönsten Sport der Welt.“

Dr. Britta Schöffmann

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