Kurzgeschichte: Seilbahn des Lebens – von Malin Luv

Maude hatte gerade die Wohnungstür geschlossen, als das Telefon klingelte. Angestrengt hob sie die Einkäufe auf den Küchentisch. Glas, Blech und Plastik stimmten ein Konzert an, als die Taschenwände nachgaben und der Inhalt einen neuen, bequemen Platz suchte.

Maude verlor keine Zeit damit, ihre Schuhe auszuziehen und ging – mehr oder minder schlechten Gewissens – ins Wohnzimmer und nahm den Hörer ab. Minutenspäter war sie verblüfft, in welch kurzer Zeit sich der Gleichklang des Alltags aus dem Staub machen konnte.

Kurzatmig hatte sie sich gemeldet, die Stimme am anderen Ende nicht erkannt und eine Verwechslung vermutet. Wie wunderbar wäre sie gewesen.

Wie in Zeitlupe ließ Maude den Hörer sinken, ließ sich schwer in den grauen Sessel am Fenster fallen und zog endlich die Schuhe aus. Sie blickte hinaus, sah wie der stürmische Tag ihren wilden Garten mit Regen versorgte.

Sie sah Claude vor sich als wäre es gestern gewesen. Die Scherze über den Gleichklang ihrer Namen, seine grobe Statur, das breite Kreuz als statischer Mittelpunkt, das Blau seiner Augen, das Maude an Wasserfarbe erinnert hatte. Ihre erste Begegnung in Südtirol, die Fahrt mit der Seilbahn und die unvergessene Stille hoch oben über der Stadt. Er hatte sie zum Mitfahren überreden müssen.

Reglos saß Maude im grauen Sessel, rasant und ungebremst rasten ihre Gedanken mit der Seilbahn ins Tal. Um sie herum wurde es immer dunkler, die Talstation schien nur auf sie zu warten um sie für immer zu verschlucken. Erlösung war ihr erster Gedanke. Claude der zweite. War es zu spät? Konnte sie aussteigen? Weglaufen?

Maude hatte sich entschieden. Sie blieb sitzen, die Gondel wurde ausgekuppelt, umfuhr in Zeitlupe die Talstation um sich unumkehrbar ins Förderseil einzuklinken und mitsamt der hadernden Fracht in tiefen Nebel einzutauchen.

Ab jetzt gab es nur eine Richtung: aufwärts. Zurück blieb die tröstende Geborgenheit der Gegenwart. Ungewissheit, Furcht und Wehmut lösten sich auf den ersten hundert Metern mit Verzweiflung und Unvermögen ab. War die Richtung weise gewählt? Der sicherste Ort sei im Tal, appellierte die Angst und übernahm das Kommando. Maude gab sich hin und wollte verzweifeln, hinnehmen und sich später arrangieren; mit den Umständen, den Zwängen und der Enge im Tal. Dann wurde der Nebel wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden empor gezogen und machte den Weg frei.

Frei für was? Maude vermochte es nicht zu erkennen. Sie sah die sonnenumspielten Gipfel der Dolomiten, die taugetränkten Weinreben, grenzenlos ausgesetzte Wiesen und Wälder. Sonst nichts. Sie vermisste die klare Kontur des Einerlei, die befriedigende Erledigung der Aufgaben und die Anerkennung der anderen. Sie fühlte sich verloren in der zwanglosen Weite des Blickwinkels und genoss die schützenden Wände der Kabine. Immer höher trugen sie die Bewegungen der Seilbahn. Ein Ende war nicht in Sicht. Weinberge, Wiesen und Wälder verschwanden. Lagen die Gipfel unter ihr? Maude durchfuhr ein Zittern. Unaufhaltsam ging es nach oben. Das Grau und Weiß der Felsformationen hatte sich immer weiter entfernt um dem tiefen Blau des Himmels alles zu überlassen. Maude stutzte. Die Wände der Gondel schienen dünner zu werden, der Stahlboden unter ihr war kaum noch zu spüren. Sie atmete frischen Wind und fröstelte.

Maude hatte die sanfte Stimme, die sie rief, zuerst nicht gehört. Ganz langsam hatte sie die Augen geöffnet. Sie lag in einem riesigen Bett, bodentiefe Fenster gaben den Blick frei auf eine Kulisse, wie sie kein Künstler malen, kein Poet mit Worten einsperren könnte. So etwas Vollkommenem war sie sich nie bewusst gewesen. Sie wollte diesen überwältigen Moment festhalten, speichern, zwingen zu bleiben.

Er tat es. Für immer; weil sie es so entschieden hatte. Barfuß und in federndem Gang lief Maude über die haselnussbraunen Holzpanele der Terrasse, schloß die Augen für einen Moment und spürte, wie die Haut unter ihren Füßen die Bergwiese berührte. Sanft fing das weiche Gras sie auf, der warme Wind wiegte sie sacht und der Apfelblütenduft belebte ihre Sinne.

Maude breitete die Arme aus, drehte sich ein paarmal um sich selbst und lachte. Lachte, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Ehrlich und befreit. Ihr luftiger Morgenmantel umwehte sie. Als sie innehielt widerstand sie dem Schwindel nicht, sie genoss ihn. Rasch schlang sie den Stoff um sich, fixierte ihn mit dem dünnen Gürtel und lief zurück.

Am großen Bett angekommen kniete sie sich hin. Jede Faser ihres Körpers war voller Liebe. Warmer, unaufgeregter, alles akzeptierender Liebe. Sie beugte sich vor und küsste Claude auf die sonnengegerbte Haut.

 

 

 

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